Ein Wort Quotes

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»Eines Tages«, sagte sie, »fange ich Träume ein wie Schmetterlinge.« »Und dann?«, fragte er. »Lege ich sie zwischen die Seiten dicker Bücher und presse sie zu Worten.« »Was, wenn jemand immer nur von dir träumt?« »Dann sind wir beide vielleicht schon Worte in einem Buch. Zwei Namen zwischen all den anderen.«
Kai Meyer (Arcadia Awakens (Arcadia, #1))
Es sollte echt ein Wort für dieses Gefühl geben“, sagte sie. „So was wie Euphancholie. Einerseits zerreißt’s dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird ... Dass alles mal vorbei sein wird.
Benedict Wells (Hard Land)
Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.
Johann Wolfgang von Goethe
Ein Wort Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen erkanntes Leben, jäher Sinn, die Sonne steht, die Sphären schweigen, und alles ballt sich zu ihm hin. Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer, ein Flammenwurf, ein Sternenstrich - und wieder Dunkel, ungeheuer, im leeren Raum um Welt und Ich.
Gottfried Benn
Das habe ich gelernt: Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest. Liebe treibt dich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun. Sie lässt dich regenbogenfarbene Bonbons verteilen, sie lässt dich in roten Schuhen durch die Straßen tanzen, und sie schreckt nicht davor zurück, dich nachts mit blutenden Händen Gräber in paradiesische Gärten hacken zu lassen. Liebe schlägt dir tiefe Wunden, aber auf eine ihr eigene Art heilt sie auch deine Narben, vorausgesetzt, du vertraust ihr und gibst ihr die Zeit dazu. Meine Narben werde ich nicht anrühren. Ich werde neue Wunden davontragen, noch ehe die alten verheilt sind, und ich werde anderen Menschen Wunden zufügen. Jeder von uns trägt ein Messer." (S.456f.)
Andreas Steinhöfel
Es gibt allerlei Arten, einen Menschen zu morden oder wenigstens seine Seele, und das merkt keine Polizei der Welt. Dann genügt ein Wort, eine Offenheit im rechten Augenblick. Dann genügt ein Lächeln. Ich möchte den Menschen sehen, der nicht durch Lächeln umzubringen ist oder durch Schweigen.
Max Frisch (I'm Not Stiller)
Je mehr Kultur, desto weniger Freiheit, das ist ein wahres Wort.
E.T.A. Hoffmann (The Life and Opinions of the Tomcat Murr)
Ich hatte das gefühl, er hat in der Vergangenheit gelebt, eingeschlossen in seinen Erinnerungen, ganz für sich, für seine Bücher und in ihnen drin, wie ein Luxusgefangener." Sie sagen das, als beneiden sie ihn." Es gibt schlimmere Gefängnisse als Worte, Daniel.
Carlos Ruiz Zafón (The Shadow of the Wind (The Cemetery of Forgotten Books, #1))
Eigenartig wie das Wort eigenartig es fast als fremdartig hinstellt eine eigene Art zu haben
Erich Fried
Die Worte tun dem geheimen Sinn nicht gut, es wird immer alles gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht, ein wenig verfälscht ein wenig närrisch (...)
Hermann Hesse (Siddhartha)
Einerseits geben Wörter Sinn, andererseits sind sie tauglich, Unsinn zu stiften. Wörter können heilsam oder verletzend sein. Das Wort als Waffe. Sich spreizende, auftrumpfende, mit Bedeutung gemästete Wörter. Manche sind Zungenbrecher, andere lassen erkennen, verschleiern, leugnen ab, decken zu oder auf. Oft liegen winzige Wahrheiten unter Wortlawinen begraben. Aus Wortstreit entspringen Schimpfwörter. Flüche, Beschwörungen, Zaubersprüche bannen, rufen herbei, lassen wahre Wunder geschehen.
Günter Grass (Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung)
Aus den fernsten Weiten des Weltraums betrachtet, ist die Erde nicht größer als ein Staubkorn. Bedenke das, wenn du das nächste Mal das Wort "Menschheit" schreibst.
Paul Auster (Travels in the Scriptorium)
Du wirst schon sehen. Irgendwann. Hinter der Nacht, in deiner Stille. Irgendwo. Findet dich ein Wort. An das du dich halten kannst.
Lilly Lindner (Bevor ich falle)
Das, was wirklich ist, kann man mit Wörtern ohnehin immer nur annähernd beschreiben; ein Wort ist eben nie genau die Sache selber.
Hans Bemmann (Erwins Badezimmer. Die Gefährlichkeit der Sprache.)
Ein Kennzeichen davon, daß man noch auf eigene Werke vertraut, ist, daß sich bei einem ‎Fehltritt die Hoffnung vermindert.‎ Worte der Weisheit HIKAM ‎ von Ibn Ata'Allah al-Iskandari
Annemarie Schimmel
Die meisten Lügen sind wahr und spinnen sich von ganz allein, kaum jemand kannte diese Wahrheit besser als Colin Darcy. Wenn man erst einmal der Melodie der Worte zu lauschen beginnt, dann pfeift man sie bald selbst. Und wenn Lügen wie kunstvolle Lieder sind, dann gehörte Helen Darcy, Colins Mutter, zu jenem seltenen Menschenschlag, der allzeit eine beschwingte Melodie auf den Lippen trägt.
Christoph Marzi (Fabula (Fabula, #1))
Aber eins weiß ich mit Sicherheit: Dass wir das Leben führen, für das wir uns entscheiden. Dass wir so tief fallen, wie wir es zulassen, dass wir so weit sehen, wie wir es wagen, die Augen zu öffnen. Und dass die Worte, die wir sprechen, nur so lange weiterklingen, wie wir ihnen Nachdruck verleihen.
Lilly Lindner (Splitterfasernackt)
Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt. Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung. Wie ein Schauspieler, der auf die Bühne kommt, ohne vorher je geprobt zu haben. Was aber kann das Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selber ist? Aus diesem Grund gleicht das Leben immer einer Skizze. Auch „Skizze“ ist nicht das richtige Wort, weil Skizze immer ein Entwurf zu etwas ist, die Vorbereitung eines Bildes, während die Skizze unseres Lebens eine Skizze von nichts ist, ein Entwurf ohne Bild. Einmal ist keinmal, sagt sich Tomas. Wenn man ohnehin nur einmal leben darf, so ist es, als lebe man überhaupt nicht.
Milan Kundera (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins)
Obwohl Ollowain die Burg schon hunderte Male gesehen hatte, berührte ihr Anblick ihn stets aufs Neue. Es war ein Gefühl, wie es sonst nur Musik in ihm erwecken konnte, das traurige Lied einer Flöte vielleicht oder melancholisches Harfenspiel. Ein Schmerz, der sich nicht in Worte fassen ließ, süß und durchdringend.
Bernhard Hennen (Elfenlicht (Die Elfen, #3))
Die Erinnerung ist zuerst wie eine Umarmung und wird danach zu einem harten Schlag ins Gesicht, bevor sie in das Nichts verschwindet und man sich der nächsten hingibt. Aber selbst wenn man es wüsste, würde man sich erinnern. Weil dieser kurze Moment des Glücks jeden Schmerz wert ist.
Ava Reed (Die Stille meiner Worte)
Wenn mir Musik die Seele bewegte, dann verstand ich ohne Worte doch alles, fühlte in der Tiefe alles Lebens reine Harmonie und glaubte zu wissen, daß ein Sinn und schönes Gesetz in allem Geschehen verborgen sei. Wenn es auch eine Täuschung war, ich lebte doch darin und war darin beglückt.
Hermann Hesse (Gertrude)
»Noch immer unentschieden. Franz«. Vier Worte, eine Autobiographie.
Florian Illies (1913: Der Sommer des Jahrhunderts (1913, #1))
Es ist etwas Besonderes um Menschen, die am gedruckten Wort Interesse haben. Sie sind eine eigene Spezies: kundig, freundlich, wißbegierig – einfach menschlich.
Nathan Pine
Luca: Du musst eins wissen, Sage. Ich mag die meistne Menschen nicht. Sage: So was Ähnliches hast du schon einmal gesagt. Luca: Aber die Menschen, die ich mag, bedeuten mir alles. bis vor Kurzem gab es auf der ganzen Welt nur vier Leute, die mir wichtig waren. Mein Dad, meine Stiefmutter, April und Gavin. ich habe nicht geplant, dass noch jemand anderes dazukommt. Aber jetzt steht auc hdien Name auf dieser Liste, und das macht es unmöglich für mich, mir keine Sorgen zu machen. Du hast mich einmal gefragt, ob ich wegen Cameron etwas Dummes unternehmen würde, wenn er April zu nahe kommt. Ich habe Nein gesagt, weil Cam ein anständiger Kerl ist. Aber ich habe kein Problem damit, Alan etwas anzutun, wenn der dich zum Weinen bringt. Ein Wort von dir genügt.
Laura Kneidl (Berühre mich. Nicht. (Berühre mich. Nicht., #1))
Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze, Seiten eines immer neuen Buches ergeben.
Franz Hessel (Flaneur in Berlin)
Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite, Zu leben und zu wirken hier und dort; Dagegen engt und hemmt von jeder Seite Der Strom der Welt und reisst uns mit sich fort: In diesem innern Sturm und äussern Streite Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort: Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
Johann Wolfgang von Goethe
Ein Buch ist eine Welt, eine fertige Welt, eine Welt mit einem Anfang und einem Ende. Jede Seite eines Buches ist eine Stadt. Jede Zeile ist eine Straße. Jedes Wort ist eine Behausung. Meine Augen ziehen durch die Strasse, öffnen jede Tür, dringen in jede Behausung ein.
Réjean Ducharme (L'avalée des avalés)
Ein Zeichen ist nämlich ein Ding, das bewirkt, dass außer seiner äußeren Erscheinung, die es den Sinnen einprägt, irgendetwas anderes aus ihm selbst im Nachdenken ausgelöst wird.
Augustine of Hippo
Ein Kommandowort bewegt Armeen; das Wort Freiheit Nationen.
Novalis (Gesammelte Werke)
Leider kann ich nicht in Worte fassen, wie sehr ich dieses Spiel liebe. Ich könnt ein 1000-seitiges Buch schreiben und es wäre dennoch nicht genug.
H.P. Lovecraft (Повне зібрання прозових творів. Том 3)
Würdest du gern?", frage ich. "Ja." Ein Wort und tausend Gefühle.
Mehwish Sohail (Like water in your hands (Like This, #1))
Sagen Sie mir ein Wort und trösten mich über meine lange Entfernung von Ihnen…
Johann Wolfgang von Goethe (Correspondence between Goethe and Schiller 1794-1805: Translated by Liselotte Dieckmann (Studies in Modern German Literature))
Alles im Leben ist eine Brücke – ein Wort, ein Lächeln, das wir dem anderen schenken.
Ivo Andrić
Natürlich hatte ich sie schon öfter gesehen, sogar hier auf dem Friedhof, doch erst seit kurzem nahm ich sie richtig wahr. Wie ein Wort, das man neu gelernt hatte und das prompt überall auftauchte.
Benedict Wells (Hard Land)
Keine Frage, die Kunst des Lesens war etwas, um das sie ihn beneidete. Was musste das für ein Gefühl sein, in fremde Welten einzutauchen, nur mit den Augen und durch das Zusammensetzen einiger kryptischer Zeichen? Buchstaben wurden zu Worten, Worte zu Sätzen, und auf einmal befand man sich in einer fremden Stadt oder einem fremden Land. Ganze Welten ließen sich so binnen eines Wimpernschlags durchqueren.
Thomas Thiemeyer (David und Juna (Das verbotene Eden, #1))
Worte taugen nichts. Ja, manchmal klangen sie wunderbar, aber sie liessen einen im Stich, sobald man sie wirklich brauchte. Nie fand man die richtigen, niemals, aber wo sollte man auch nach ihnen suchen? Das Herz ist stumm wie ein Fish, auch wenn die Zunge sich noch so viel Muehe gibt, ihm eine Stimme zu geben.
Cornelia Funke (Inkspell (Inkworld, #2))
Odd, the words: ‘while away the time’. How to hold it fast the harder thing. Who is not fearful: where is there a staying, where in all this is there any being? Look, as the day slows towards the space that draws it into dusk: rising became upstanding, standing a laying down, and then that which accepts its lying blurs to darkness. Mountains rest, outgloried be the stars - but even there, time’s transition glimmers. Ah, nightly refuged in my wild heart, roofless, the imperishable lingers. --- Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben! Sie zu halten, wäre das Problem. Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben, wo ein endlich Sein in alledem? - Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt: Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen, und das willig Liegende verschwimmt - Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; - aber auch in ihnen flimmert Zeit. Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit.
Rainer Maria Rilke
Ich bin unglücklich in meiner Sprache. Wir sagen seit Jahren nur solche Sätze wie: Sie werden sie aufhängen. Wo waren die Köpfe? Man weiß nicht, wo ihr Grab ist. Die Polizei hat die Leiche nicht freigegeben! Die Wörter sind krank. Meine Wörter brauchen ein Sanatorium, wie kranke Muscheln. Es gibt eine Stelle am Ägäischen Meer, wo drei Ströme zusammenkommen. Man bringt Säcke mit Muscheln aus Istanbul, Izmir, Italien dorthin, die im schmutzigen Wasser krank geworden sind. Das saubere Wasser aus den drei Strömen heilt ein paar Monaten die erkrankten Muscheln. Dieses Stück Meer nenne die Fischer Muschelsanatorium. Wie lange braucht ein Wort, um wieder gesund zu werden? Man sagt, in fremden Ländern verliert man die Muttersprache. Kann man nicht auch in seinem eigenen Land die Muttersprache verlieren?
Emine Sevgi Özdamar (Seltsame Sterne starren zur Erde)
Ist es nicht groß und gut, daß die Sprache nur ein Wort hat für alles, vom Frömmsten bis zum Fleischlich-Begierigsten, was man darunter verstehen kann? Das ist vollkommene Eindeutigkeit in der Zweideutigkeit, denn Liebe kann nicht unkörperlich sein in der äußersten Frömmigkeit und nicht unfromm in der äußersten Fleischlichkeit, sie ist immer sie selbst, als verschalgene Lebensfreundlichkeit wie als höchste Passion, sie ist die Sympathie mit dem Organischen, das rührend wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten, - Caritas ist gewiß noch in der bewunderungsvollsten oder wüstesten Leidenschaft.
Thomas Mann (The Magic Mountain)
Irgendwo hab ich gelesen, dass das letzte Wort auf der Black Box eines jeden abgestürzten Flugzeugs, das Letzte, was der Pilot sagt, wenn er weiß, dass er sterben wird, 'Mama' ist. Wenn dir mit Lichtgeschwindigkeit die ganze Welt und das ganze Leben entrissen wird, ist dieses Wort das Einzige, was dir bleibt.
Tana French (The Likeness)
Mit deinen Augen, welche müde kaum von der verbrauchten Schwelle sich befrein, hebst du ganz langsam einen schwarzen Baum und stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein. Und hast die Welt gemacht. Und sie ist groß und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift. Und wie dein Wille ihren Sinn begreift, lassen sie deine Augen zärtlich los ...
Rainer Maria Rilke (The Book of Images)
Langsam bekam alles Griff und Glanz. Die Unsicherheit schwand, die Worte kamen von selber und ich achtete nicht mehr so darauf, was ich sagte. Ich trank weiter und spürte, wie die große, weiche Welle herankam und mich erfaßte, wie sich die leere Stunde der Dämmerung mit Bilderen füllte und geisterhaft über den gleichgültigen, grauen Bezirken des Daseins der laulose Zug der Träume wiederauftauchte. Die Wände der Bar weiteten sich, und plötzlich war es nicht mehr die Bar - es war eine Ecke der Welt, ein Winkel der Zuflucht, ein halbdunkler Unterstand, um den ringsumger die ewige Schlacht des Chaos brauste und in dem wir geborgen hockten, rätselhaft zueinandergeweht durch das Zwielicht der Zeit.
Erich Maria Remarque (Three Comrades)
Sein Anblick war ein einziges Spiel von Licht und Schatten, hell und ebenmäßig, dunkel und wild.
A. Kuralie (All die Worte zwischen uns)
Aber meine Worte würden so was wie ein Roundhouse-Kick sein, der das Fass ins nächste Fettnäpfchen beförderte.
A. Kuralie (All die Worte zwischen uns)
Was war so falsch daran, einfach nur ein Teenager zu sein, der zur Schule ging und sich einigermaßen anstrengte?
A. Kuralie (All die Worte zwischen uns)
In seinen Augen tobte ein Sturm, als würde ein Gewitter aufziehen, von dessen Ausmaß ich nicht die geringste Ahnung hatte.
A. Kuralie (All die Worte zwischen uns)
Mein Herz hämmerte so laut, dass ich versucht war, eine Hand auf meine Brust zu drücken, um es zu beruhigen.
A. Kuralie (All die Worte zwischen uns)
Wer diese Worte liest - was für ein Bild bekommt er von mir? […] Kein hübsches Bild. Die Worte lügen also, in gewisser Hinsicht jedenfalls. Wie immer.
John Marsden (So Much to Tell You (So Much to Tell You, #1))
Heim-Weh ist ein schönes Wort.
Monika Held (Sommerkind)
Das Quietschen von Bettfedern, das Klatschen von Haut auf nackter Haut, das alles war ein biologisches Versprechen, dauerhafter als jedes Ja-Wort.
Chuck Palahniuk (Doomed (Damned, #2))
Die zerstörerischte Waffe ist das Wort, das ein Leben zunichte macht, ohne Blutspuren zu hinterlassen, und dessen Wunden niemals heilen.
Paulo Coelho (Manuscrito encontrado em Accra)
Doch die Erinnerung spielt uns Streiche. Erinnern iat ein anderes Wort für Erfinden, und nichts ist unzuverlässiger.
Ann-Marie MacDonald (Fall on Your Knees)
Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort Der Frauen weit geführt.
Johann Wolfgang von Goethe
Sie verstärkte die Realität, während sie sie auf Worte reduzierte, sie flößte ihr Energie ein.
Elena Ferrante (My Brilliant Friend (Neapolitan Novels, #1))
Denn wenn ich nun das Wort Vertrauen hörte, oder das Wort Liebe, dann hatte es zum ersten mal ein Gesicht. Und das war seins.
Sarah Sprinz (Change My Mind (Infinity Falling, #2))
Gregor erschrak, als er seine antwortende Stimme hörte, die wohl unverkennbar seine frühere war, in die sich aber, wie von unten her, ein nicht zu unterdrückendes, schmerzliches Piepsen mischte, das die Worte förmlich nur im ersten Augenblick in ihrer Deutlichkeit beließ, um sie im Nachklang derart zu zerstören, daß man nicht wußte, ob man recht gehört hatte.
Franz Kafka (Die Verwandlung)
Das habe ich gelernt: Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest. Liebe treibt dich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun. Sie lässt dich regenbogenfarbene Bonbons verteilen, sie lässt dich in roten Schuhen durch die Straßen tanzen, und sie schreckt nicht davor zurück, dich nachts mit blutenden Händen Gräber in paradiesische Gärten hacken zu lassen. Liebe schlägt dir tiefe Wunden, aber auf eine ihr eigenen Art heilt sie auch deine Narben, vorausgesetzt, du vertraust ihr und gibst ihr die Zeit dazu. Meine Narben werde ich nicht anrühren. Ich werde neue Wunden davontragen, noch ehe die alten verheilt sind, und ich werde anderen Menschen Wunden zufügen. Jeder von uns trägt ein Messer. So sind die Regeln, Paleiko.
Andreas Steinhöfel (Die Mitte der Welt)
Als hätte ich eine Information erhalten, die sich mit einer anderen Erfahrung verkeilte. Wie zwei Puzzlestücke, die nicht ineinanderpassen, obwohl sie die letzten sind, die noch übrig waren.
A. Kuralie (All die Worte zwischen uns)
Ich habe in diesen Tagen viel über Liebe nachgedacht, und darüber, wie ich das Wort hasste und es ständig wieder gebrauchte, und mir fällt ein - eine der vergänglichen Offenbarungen der Schlaflosigkeit - dass wir, ehe wir etwas lieben, uns so etwas wie eine Nachbildung davon machen müssen, ein Erinnerungsgebilde aus flüchtigen Eindrücken und Augenblicken, das alsdann seine äussere, ziemlich langweilige Erscheinung durch eine sternbildhafte Verinnerlichung ersetzt, phosporeszierend, bequem und tragbar und am Ende unempfindlich gegen den rüden Raubbau der Wirklichkeit.
John Updike
Das Aussprechen eines Wortes ist gleichsam ein Anschlagen einer Taste auf dem Vorstellungsklavier. Uttering a word is like striking a note on the keyboard of the imagination. —Ludwig Wittgenstein
Gabriel Wyner (Fluent Forever: How to Learn Any Language Fast and Never Forget It)
Ihm gefiel nicht das, was er las, sondern eher das Lesen an sich, oder besser gesagt, der Prozess des Lesens selbst, wo sich da doch immerzu aus den Buchstaben irgendein Wort ergibt, das manchmal weiß der Teufel was bedeutet. Dieses Lesen wurde gemeinhin im Vorraum auf dem Bett im liegenden Zustand vollzogen, auf der Matratze, die infolge dieses Umstands so hart und fest wie ein Fladen geworden war.
Nikolai Gogol (Dead Souls)
Plötzlich begann er, von Manderley zu erzählen. Er sprach nicht über sein Leben dort, sagte kein Wort über sich selbst, erzählte mir jedoch, wie dort an einem Frühlingsnachmittag die Sonne unterging und auf der Landspitze ein letztes Leuchten hinterließ. Das Meer, noch kalt vom langen Winter, sehe dann aus wie Schiefer, und von der Terrasse aus könne man den Wellenschlag der Flut hören, die in die kleine Bucht strömte.
Daphne du Maurier (Rebecca)
Aber ich fühlte auch eine Traurigkeit in mir, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Es war die Art von Kummer, die man verspürt, wenn jemand leidet, der einem nahesteht, und man weiß, dass man nichts dagegen tun kann.
A. Kuralie (All die Worte zwischen uns)
Wüste ist nicht lediglich das, was unsere Vorstellung uns üblich eingibt, sobald wir jenes Wort hören oder lesen, eine riesige weite Sandfläche, ein Meer aus lodernden Dünen, Wüste, wie man sie hier ebenfalls versteht, die gibt es sogar im grünen Galiläa, es sind die nicht bebauten Landstriche, Fluren, in denen keine Menschen wohnen, ohne Zeichen eines fleißigen Tuns. Wüste sagen, heißt sagen, Sie ist es nicht mehr, wenn wir dort sind.
José Saramago (The Gospel According to Jesus Christ)
Es gibt so vieles, was ich nie verstehen kann. Und es gibt so vieles, was ich niemals wissen werde, auch wenn man es mir noch so anschaulich erklärt. Aber eins weiß ich mit Sicherheit: dass wir das Leben führen, für das wir uns entscheiden. Dass wir so tief fallen, wie wir es zulassen, dass wir so weit sehen, wie wir es wagen, die Augen zu öffnen. Und dass die Worte, die wir sprechen, nur so lange weiterklingen, wie wir ihnen Nachdruck verleihen.
Lilly Lindner (Splitterfasernackt)
Wenn Chris schwänzte und Bertie (wie wir ihn nannten – natürlich nur hinter seinem Rücken) ihn erwischte, brachte er ihn in die Schule zurück und sorgte dafür, dass er eine Woche lang nachsitzen musste. Wenn er aber feststellte, dass Chris zu Hause war, weil sein Vater ihn jämmerlich verprügelt hatte, fuhr Bertie wieder weg und verlor kein weiteres Wort darüber. Erst zwanzig Jahre später begann ich mich zu fragen, ob die Prioritäten hier wohl richtig gesetzt waren.
Stephen King (Different Seasons)
Iqbal, in seinem Poem "Die Moschee von Cordoba"- ein paar Verse daraus: Stein sei es, Farbe, sei's Ton: Wort sei es, Stimme, sei's Ton - Jegliches Wunder der Kunst wächst nur aus Herzensblut - seht! Ja, durch den Tropfen von Blut wird selbst der Felsen zum Herz; Ja, aus dem Herzblut, dem Leid, Lied, Sang und Klang erst entsteht. [aus "Nimm eine Rose und nenne sie Lieder" übersetzte Poesie der islamischen Völker von Annemarie Schimmel, insel Taschenbuch Ausgabe, S. 168]
Muhammad Iqbal
Es gibt kein Wort für alle Wörter. Wenn es eines gäbe, ein Wort für alle Wörter, könnte es nur etwa drei Sekunden lang existieren. Im Schnitt alle drei Sekunden wird ein neues Wort erfunden, das die Gesamtheit aller Wörter beeinflusst und das eine Wort für alle Wörter ungültig macht. Das Wort für alle Wörter ist nach drei Sekunden veraltet und der Bedeutung beraubt vom ständigen Drang zur Neuverwortung. Neuverwortung! Und schon ist es weg, schon weg, das Wort für alle Wörter.
Saša Stanišić (Herkunft)
[...] und in diesem Moment verpürte ich nichts als Dankbarkeit dafür, dass die Schatten mich nervös machten. Sie boten mir eine Ausrede für mein klopfendes Herz, das beinahe zersprang, wenn ich daran dachte, dass Lukas etwas zustoßen könnte.
A. Kuralie (All die Worte zwischen uns)
Schon mit Anfang zwanzig hatte ich mich, nach meiner Niederlage gegen die bösartige Ikea-Hollywoodschaukel, in einer Therapie mit dem Unterschied von Drive und driven auseinandergesetzt. Ich hatte tief hineingeschaut in meine Kindheit und Jugend und wusste seitdem, dass ich zwei Arten von Ehrgeiz in mir trug. Eine helle, lustvolle und eine bedürftige, abhängige. Für diese zwei Arten von Ehrgeiz kennt die deutsche Sprache keine unterscheidenden Worte, und doch sind sie grundverschieden.
Judith Holofernes (Die Träume anderer Leute)
Worte sind die blassen Schatten vergessener Namen. Und wie Namen Macht innewohnt, wohnt auch Worten Macht inne. Mit Worten kann man im Geist der Menschen Feuer entfachen. Mit Worten kann man selbst dem hartherzigsten Menschen Tränen entlocken. Es gibt sieben Worte, die einen Menschen dazu bringen, dich zu lieben. Und es gibt zehn Worte, mit denen man den Willen selbst des stärksten Mannes brechen kann. Aber ein Wort ist weiter nichts als die bildliche Darstellung eines Feuers. Ein Name ist das Feuer selbst.
Patrick Rothfuss (The Name of the Wind (The Kingkiller Chronicle, #1))
Ich hatte einst ein schönes Vaterland. Der Eichenbaum Wuchs dort so hoch, die Veilchen nickten sanft. Es war ein Traum. Das küßte mich auf deutsch, und sprach auf deutsch (Man glaubt es kaum, Wie gut es klang) das Wort: "Ich liebe dich!" Es war ein Traum.
Heinrich Heine
Am Schluß eines damals verfaßten, auch ins Englische übersetzten 'Lebensabrisses' hatte ich im halb spielerischen Glauben an gewisse Symmetrien und Zahlenentsprechungen in meinem Leben die ziemlich bestimmte Vermutung geäußert, daß ich im Jahre 1945, siebzigjährig, im selben Alter also wie meine Mutter, das Zeitliche segnen würde. Das ins Auge gefaßte Jahr, sagte der Mann, sei so gut wie abgelaufen, ohne daß ich Wort gehalten hätte. Wie ich es vor der Öffentlichkeit rechtfertigen wolle, daß ich immer noch am Leben sei.
Thomas Mann (The Story of a Novel: The Genesis of Doctor Faustus)
Einer der Altmeister des englischen Romans, William Makepeace Thackeray, nannte das Wort Finis am Ende eines Erzählwerkes einmal ein "trübsinniges Wort". Das mag zutreffen, wenn man lediglich meint, von einer liebgewordenen, vertrauten Umgebung Abschied nehmen zu müssen. Meist ist jedoch das weiterwirkende Erlebnis - die Auseinandersetzung mit der vermittelten Weltsicht -, das uns ein Kunstwerk lieb und wert macht, gewissermaßen das subjektive "Weiterschreiben", wenn sich der Vorhang über das fiktive Geschehen gesenkt hat.
Klaus Udo Szudra
Ich ließ meinen Blick über jeden Zentimeter seines Gesichts wandern, halb ängstlich, halb aufmerksam lauschend, auf ein Gefühl in meinem Inneren, doch zu meiner Erleichterung blieb es still. Kein Herzklopfen, kein Magengrummeln. Ich hatte es gewusst. Alles nur Einbildung.
A. Kuralie (All die Worte zwischen uns)
Ich legte meine Hand auf die Scheibe und strich über das Glas, als würde es etwas bringen. Als könnte ich irgendetwas ausrichten und nicht bloß hier stehen. [...] Fast schien es, als wäre die physische Distanz zwischen uns eine Metapher für den seelischen Graben, der uns trennte.
A. Kuralie (All die Worte zwischen uns)
Ich hatte nicht gewusst, dass es in meinem Kopf ein »wir« gab, bevor ich es aussprach. Aber nun wurde mir bewusst, wie sehr ich darunter litt, dass mein Bild von uns in Scherben lag und wir beide nichts anderes taten, als auf den Splittern herumzutrampeln, bis nichts mehr zu reparieren war.
A. Kuralie (All die Worte zwischen uns)
Die alberne Figur, die ich mache, wenn in Gesellschaft von ihr gesprochen wird, solltest du sehen! Wenn man mich nun gar fragt, wie sie mir gefällt?—gefällt! Das Wort hasse ich auf den Tod. Was muß das für ein Mensch sein, dem Lotte gefällt, dem sie nicht alle Sinne, alle Empfindungen ausfüllt!
Johann Wolfgang von Goethe (The Sorrows of Young Werther)
Die Herren der Information haben die Poesie aus dem Auge verloren, wo Worte eine Bedeutung haben können, die sehr von der im Lexikon angegebenen abweicht, wo der metaphorische Funke der Dechiffrierfunktion immer einen Sprung voraus ist, wo eine andere, unerwartete Interpretation stets möglich ist.
J.M. Coetzee (Tagebuch eines schlimmen Jahres)
Ein Nachteil der maschinellen Aufschreibesysteme ist natürlich der sinkende Respekt vor dem einzelnen Wort. Früher, als man noch auf Marmor angewiesen war, um seine Gedanken zu verewigen, ging man sparsamer damit um. Um einen Roman in Marmor zu meißeln, müßte man schon ein Heer von Sklaven beschäftigen.
Jochen Schmidt
Ich erinnere mich noch an Ihre Worte: „Die Welt ist ein Schlachthaus und ein Bordell.“ Damals schien mir das übertrieben, aber es ist bittere Wahrheit. Man hält Sie für einen Mystiker, aber in Wirklichkeit sind Sie durch und durch Realist. Wie dem auch sei, alles wird uns aufgezwungen, selbst die Hoffnung.
Isaac Bashevis Singer (Shosha)
Wenn man die Philosophen von der Wirklichkeit reden hört, so ist das oft ebenso irreführend, wie wenn man im Schaufenster eines Trödlers auf einem Schild die Worte liest: Hier wird gerollt. Wollte man mit seiner Wäsche kommen und sie rollen lassen, so wäre man angeführt. Der Schild hängt nur zum Verkauf da.
Søren Kierkegaard
Einen Stein kann ich lieben, Govinda, und auch einen Baum oder ein Stück Rinde. Das sind Dinge, und Dinge kann man lieben. Worte aber kann ich nicht lieben. Darum sind Lehren nichts für mich, sie haben keine Härte, keine Weiche, keine Farben, keine Kanten, keinen Geruch, keinen Geschmack, sie haben nichts als Worte. Vielleicht ist es dies, was dich hindert, den Frieden zu finden, vielleicht sind es die vielen Worte. Denn auch Erlösung und Tugend, auch Sansara und Nirwana sind bloße Worte, Govinda. Es gibt kein Ding, das Nirwana wäre; es gibt nur das Wort Nirwana.« Sprach Govinda: »Nicht nur ein Wort, Freund, ist Nirwana. Es ist ein Gedanke.«
Hermann Hesse (Siddhartha)
Vorbei! ein dummes Wort. Warum vorbei? Vorbei und reines Nicht, vollkommnes Einerlei. Was soll uns denn das ew'ge Schaffen, Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen? Da ist's vorbei! Was ist daran zu lesen? Es ist so gut als wär es nicht gewesen, Und treibt sich doch im Kreis als wenn es wäre. Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.
Johann Wolfgang von Goethe (Faust)
Und ich sehe Freds Gesicht, unerbittlich alt werdend, leergefressen von einem Leben, das nutzlos wäre und gewesen wäre ohne die Liebe, die er mir einflößt. Das Gesicht eines Mannes, der zu früh von Gleichgültigkeit erfaßt wurde gegen alles, was ernst zu nehmen andere Männer sich entschlossen haben. Und sagte kein einziges Wort S.39
Heinrich Böll
Ich tat die Augen auf und sah das Helle, Mein Leid verklang wie ein gehauchtes Wort. - Ein Meer von Licht drang flutend in die Zelle Das trug wie eine Welle mich hinfort. Und Licht ergoß sich über jede Stelle, Durchwachte Sorgen gingen leis zur Ruh. - Ich tat die Augen auf und sah das Helle, Nun schließ ich sie bald nicht wieder zu.
Mascha Kaléko (Sei klug und halte dich an Wunder)
Ich bin nicht mehr ein zitterndes Stück Dasein allein im Dunkel - ich gehöre zu ihnen und sie zu mir, wir haben alle die gleiche Angst und das gleiche Leben, wir sind verbunden auf eine einfache und schwere Art. Ich möchte mein Gesicht in sie hineindrücken, in die Stimmen, diese paar Worte, die mich gerettet haben und die mir beistehen werden.
Erich Maria Remarque (Im Westen nichts Neues)
Worte! Bloße Worte! Wie schrecklich sie waren! Wie klar und lebendig und grausam! Man konnte ihnen nicht entrinnen. Und doch, welch verborgener Zauber lag in ihnen! Sie schienen imstande, formlosen Dingen eine greifbare Gestalt zu geben und eine eigene Musik zu besitzen, so süß wie die einer Gambe oder Laute. Bloße Worte! Gab es etwas, das so wirklich war wie Worte?
Oscar Wilde
Miss S. bevorzugte das pathetische Wort ‚land’ gegenüber dem üblichen ‚country’. ‚This land …’ In diesem Sinne gebraucht, ist es zwar nicht direkt die Sprache des Wahnsinns, aber doch der Besessenheit. Zeugen Jehovas sprechen ständig von ‚this land’, ebenso die National Front. Land ist gleich country plus Vorsehung – ein Land im Angesicht Gottes. Auch Mrs. Thatcher sagt ‚this land’.
Alan Bennett (Die Lady im Lieferwagen)
All diese Sterne mit ihren Planeten sind mein. Dieser ganze unfassbare Roman ist der Bereich, in dem mein Wille geschieht und mein Wort Gesetz ist. Aber Macht, wirkliche Macht ist niemals Macht über Dinge, nicht einmal über Sonnen und Planeten. Macht ist immer nur Macht über Menschen. Und meine Macht ist nicht nur die Macht der Waffen und der Gewalt; ich habe auch Macht über die Herzen und die Gedanken der Menschen. Billionen und aberbillionen von Menschen leben auf diesen Planeten, und sie gehören alle mir. Keiner von ihnen verbringt einen Tag ohne einen Gedanken an mich. Sie verehren mich, sie lieben mich; ich bin der Mittelpunkt ihrer aller Leben. Er sah Jubad an. Niemals zuvor war ein Reich größer als das meine. Niemals zuvor hat ein Mensch mehr Macht gehabt als ich.
Eschbach Andreas
Ich gehe rüber zur Tauentzienstraße, ein Pappschild unter dem Arm, das ich am Europacenter anschlage wie einst Luther seine Thesen in Wittenberg. Dort stehe ich, und kann nicht anders. Ein paar Leute bleiben stehen und sehen sich an, was das auf dem Pappschild steht. "Das Romanische Café" steht da, "ist die Stätte der höchsten intellektuellen Verfeinerung und der tiefsten sozialen Ignoranz; die Stätte anekdotische Selbstbefriedigung, wo Aphorismen aufeinander Jagd machen, kopulieren und kleine Witze in die Welt setzen. Das Romanische Café ist die Stätte, wo jedes normale Wort in den Verdacht gerät, dem Unterbewusstsein einer Amöbe entsprungen zu sein; die Stätte, wo Friedrich Gundelfinger den Finger verlor und daher nicht auf den jungen Journalisten namens Joseph Goebbels deuten konnte, der mit bösem Lächeln und einem kleinen Notizblock auf den Knien zu Füßen des zelebrierten und entfingerten Gundolf saß. Das Romanische Café ist die Stätte, wo Pegasus mit Aperçus gefüttert wurde, bis er nicht mehr krauchen konnte…" Ein Herr mit Pfeife bleibt eine Weile vor dem Pappschild stehen. "Das mit Goebbels ist mir neu". Sagt er und bläst mir Pfeifenrauch ins Gesicht.
Peter Fürst (Schnitzeljagd Berlin--New York (German Edition))
Unsere Zivilisation ist durch das Wort Fortschritt charakterisiert. Der Fortschritt ist ihre Form nicht eine ihrer Eigenschaften daß sie fortschrietet. Sie ist typisch aufbauend. Ihre Tätigkeit ist es ein immer komplizierteres Gebilde zu konstruieren. Und auch die Klarheit dient doch nur wieder diesem Zweck und ist nicht Selbstzweck. Mir dagegen ist die Klarheit, die Durchsichtigkeit, Selbstzweck.
Ludwig Wittgenstein (Culture and Value)
Jeder richtige Gedanke ist eine wahrhafte Eroberung für Frauen unter der Herrschaft von Männern. Sie wissen nicht, wie schwer es ist, freundlich zu sein. Unser Unterdrücker verbreitet seine Version von uns überall, auf Wänden, in den Zeitungen, auf der Kinoleinwand. Wie Giftgas sickert sie ein. Jedes Wort, das wir äußern, ist eine Erklärung unserer Rechte. Jede Geste ist ein Bekenntnis. Ich mache Gesten.
Andrea Dworkin (Mercy)
Standen Sie jemals in einer Buchhandlung, haben sich verstohlen umgesehen und dann das Ende eines Buches von Agatha Christie aufgeschlagen, um zu sehen, wer es getan hat und wie? Haben Sie jemals das Ende eines Horrorromans aufgeschlagen, um festzustellen, ob der Held es aus der Dunkelheit ins Licht schafft? Wenn Sie das jemals getan haben, dann halte ich es für meine Pflicht, Ihnen drei schlichte Worte zu sagen: SCHÄMEN SIE SICH!
Stephen King (Danse Macabre)
Betrachtet einmal das Volk, das von ergebenen Patrioten geschützt wird. Die Patrioten fallen im blutigen Kampfe oder im Kampfe mit Hunger und Not; was fragt das Volk danach? Das Volk wird durch den Dünger ihrer Leichen ein "blühendes Volk"! Die Individuen sind "für die große Sache des Volkes" gestorben, und das Volk schickt ihnen einige Worte des Dankes nach und - hat den Profit davon. Das nenn' Ich Mir einen einträglichen Egoismus.
Max Stirner
Am liebsten hätte sie geschrien oder mit den Fäusten getobt, sich freizumachen von dem Grauen dieser Erinnerung, die fest wie ein Angelhaken in ihrem Gehirn saß, dieses wüste Gesicht mit seinem höhnischen Lachen, dieser Dunst von Gemeinheit, der aufstieg vom schlechten Atem der Proletarierin, dieser wüste Mund, der voll Haß ihr hart bis ins Gesicht die niedrigen Worte gespien, und die gehobene rote Faust, mit der sie ihr gedroht hatte.
Stefan Zweig (Stefan Zweig. Das Gesamtwerk.: In chronologischer Auflage. Neu bearbeitet. (Gesamtwerke der Weltliteratur 4) (German Edition))
„Hold all and wait. The questions that are in one’s mind will be worked out eventually without a word from the Master. The light becomes stronger and the darkness vanishes in the reorganization of the inner man and his thinking processes and habits. Do not make the mistake of trying to fit the teachings of ECK into the old ways of thinking. Drop all and start over again.” Shariyat-Ki-Sugmand, Book I, Page 96d „Halten Sie mit allem inne und warten sie. Die Fragen, die sich im Verstand aufwerfen, werden schließlich ohne ein Wort vom Meister ausgearbeitet werden. Das Licht ist stärker, und die Dunkelheit verschwindet in der Reorganisation des inneren Menschen und seiner Denkprozesse und –gewohnheiten. Machen Sie nicht den Fehler, zu versuchen, die Lehre von ECK in die alten Denkweisen einzufügen. Lassen Sie alles fallen und fangen Sie neu an.“ Shariyat-Ki-Sugmand, Buch I, Seite 112f
Paul Twitchell
Du bist Tariq", wiederholt sie die Worte, die mir Maya letztens gesagt hat. "Du hast einen tollen Musikgeschmack, bist loyal, ruhig, denkst zu viel nach, bist immer für alle da und kannst wirklich romantisch sein. Manchmal sogar zu romantisch für meinen Geschmack." Obwohl mir die Beschreibung nicht hundertprozentig zusagt, zucken meine Mundwinkel. "Soll ich ein bisschen runterschalten wegen der Romantik?" "Nein", antwortet sie nur, und ich lächle schwach.
Mehwish Sohail (Like water in your hands (Like This, #1))
Wenn bei den Gallas eine Frau der Haushaltssorgen überdrüssig wird, beginnt sie unzusammenhängende Worte zu reden und sich ungewöhnlich zu betragen. Dies ist ein Zeichen, daß der heilige Geist Callo über sie gekommen ist. Sofort wirft sich ihr Mann vor ihr auf die Erde und betet sie an. Sie führt nicht mehr den bescheidenen Namen „Gattin“, sondern wird „Herr“ genannt. Mit häuslichen Pflichten hat sie nichts mehr zu schaffen, und ihr Wille ist göttliches Gesetz.
James George Frazer (The Golden Bough: The Roots of Religion and Folklore)
Eines Tages sieht man in den Spiegel und sieht anders aus als erwartet. Der Spiegel ist die grausamste Form der Wahrheit. Man sieht nicht aus, wie man wirklich ist. Man wünscht sich, dass das Äußere auch das Innere widerspiegelt und die anderen sofort erkennen, ob man ehrlich, großzügig und nett ist... stattdessen braucht es immer Worte und Taten. Man muss beweisen, wer man ist. Wie schön wäre es, wenn man es nur zeigen müsste. Das würde alles einfacher machen.
Alessandro D'Avenia (Bianca come il latte, rossa come il sangue)
Wie einer, der auf fremden Meeren fuhr, so bin ich bei den ewig Einheimischen; die vollen Tage stehn auf ihren Tischen, mir aber ist die Ferne voll Figur. In mein Gesicht reicht eine Welt herein, die vielleicht unbewohnt ist wie ein Mond, sie aber lassen kein Gefühl allein, und alle ihre Worte sind bewohnt. Die Dinge, die ich weither mit mir nahm, sehn selten aus, gehalten an das Ihre -: in ihrer großen Heimat sind sie Tiere, hier halten sie den Atem an vor Scham.
Rainer Maria Rilke
Völlig still wird es auf dem riesigen Platz. Die Ausrufer rufen nicht mehr, jedes Wort verstummt, so still wird es, daß man das schwere Stapfen des Pferdes und das Ächzen der Räder vernimmt. Die Zehntausende, die eben noch munter schwatzten und lachten, sehen plötzlich beklommen mit einem gebannten Gefühl des Grauens auf die blasse gebundene Frau, die keinen von ihnen anblickt. Sie weiß: nur diese letzte Probe noch! Nur fünf Minuten sterben noch und dann Unsterblichkeit.
Stefan Zweig (Marie Antoinette: Bildnis eines mittleren Charakters (German Edition))
Vielleicht sollten wir den Begriff "Toleranz" neu definieren, denn was besagt er eigentlich? Dass man andere toleriert? Menschen mit anderer Hautfarbe, anderem Glauben, Menschen mit Piercings und Tätowierungen, Frauen mit Kopftuch und Menschen mit anderer sexueller Orientierung? Dabei gibt es doch gar nichts zu tolerieren. Schon indem man das Wort "Toleranz" bemüht, stellt man sich auf eine höhere Ebene als sie, die man toleriert. Toleranz beruht auf einem Überlegenheitsgefühl.
Herman Koch (Dear Mr. M)
Wehe, du Äußerst es offen, so wie es die Syrer sechs Monate vor Beginn des Krieges taten, als die Menschen auf die Straße gingen und mit lauter Stimme »Freiheit und Würde« forderten. Wehe dir, du sprichst das Wort »Freiheit« als Forderung aus! Wehe dir, du bezeichnest »Würde« als dein Recht! Wehe dir, du protestierst und sagst: »Ich bin ein Mensch, und dieses Leben ist meiner nicht würdig!« Wehe dir, du fragst, warum du beobachtet wirst oder das Gefühl hast, beobachtet zu werden!
Niroz Malek (Under krigets himmel)
Furchtlos entgegnete ihm der Held mit dem nickenden Helmbusch: »Sohn des Peleus, hoffe mich nicht mit Worten zu schrecken, so, als sei ich ein Knabe. Auch ich verstehe vortrefflich, kränkende oder auch frevelhaft prahlende Worte zu sprechen. Du bist tüchtig, ich weiß es, ich bin dir weit unterlegen. Aber der Ausgang des Kampfes liegt im Schoße der Götter: ob ich nicht trotzdem, bin ich auch schwächer, durch Speerwurf dich töte; denn es besitzt auch mein Speer eine stechende Spitze!
Homer (The Iliad)
Der sprachlose Papagei Ein Kaufmann einen Papagei vor Jahren besaß, in Sang und Rede wohl erfahren. Der saß als Wächter an des Ladens Pforte und sprach zu jedem Kunden kluge Worte. Denn wohl der Menschenkinder Sprache kannt er, doch seinesgleichen Weisen auch verstand er. Vom Laden ging nach Haus einst sein Gebieter und ließ den Papagei zurück als Hüter. Ein Kätzlein plötzlich in den Laden sprang, um eine Maus zu fangen; todesbang, flatterte hin und her der Papagei und stieß ein Glas mit Rosenöl entzwei. von seinem Hause kam der Kaufmann wieder und setzte sorglos sich im Laden nieder und stieß das Rosenöl allüberall, im Zorn schlug er das Haupt des Vogels kahl. Die Zeit verstrich, der Vogel sprach nicht mehr. Da kam die Reu´, der Kaufmann seufzte schwer. Raufte sich den Bart und rief: "Weh mir umsponnen ist mit Gewölk die Sonne meiner Wonnenn! Wär mir, da auf den Redner ich den bösen Schlag ausgeführt, doch lahm die Hand gewesen!" Wohl gab er frommen Bettlern reiche Spende, auf daß sein Tier die Sprache wiederfände; umsonst! Als er am vierten Morgen klagend, in tausend Sorgen, was zu machen sei, daß wieder reden mög´sein Papagei, ließ sich mit bloßem Haupt ein Büßer blicken, den Schädel glatt wie eines Beckens Rücken. Da hub der Vogel gleich zu reden an und rief dem Derwisch zu: "Sag lieber Mann, wie wurdest Kahlkopf du zum Kahlen? sprich! Vergossest du vielleicht auch Öl wie ich?" Man lachte des Vergleichs, daß seine Lage der Vogel auf den Derwisch übertrage.
Jalal ad-Din Muhammad ar-Rumi
Bei diesem unbedachten Wort sah ich plötzlich den armen Lahmen vor mir, flehend und leidend, ihn, den wir nicht liebten, den wir loszuwerden trachteten und der jetzt von uns verlassen und eingeschlossen einsam und traurig in der dämmernden Stube saß. Es fiel mir ein, daß es nun bald zu dunkeln beginnen müsse und daß er nicht im stande sein würde, Licht zu machen oder dem Fenster näher zu rücken. Also würde er das Buch weglegen und im Halbdunkel allein sitzen müssen, ohne Gespräch oder Zeitvertreib, indes wir hier Wein tranken, lachten und uns vergnügten. Und es fiel mir ein, wie ich den Nachbarn in Assisi vom heiligen Franz erzählt hatte und wie ich geflunkert hatte, er hätte mich gelehrt alle Menschen liebzuhaben. Wozu hatte ich das Leben des Heiligen studiert und seinen herrlichen Gesang der Liebe auswendig gelernt und seine Spuren auf den umbrischen Hügeln gesucht, wenn nun ein armer und hülfloser Mensch dalag und leiden mußte, während ich davon wußte und ihn trösten konnte?
Hermann Hesse (Peter Camenzind)
Als ein Schriftgelehrter Jesus einmal fragte, […]was nach seiner Meinung das grüßte Gebot im Gesetz sei, sagte er, es sei die Liebe zu Gott. Das zweite Gebot, man solle seinen Nächsten genauso lieben wie sich selbst, sei jedoch dem ersten gleich. Offenbar ging er davon aus, dass jeder sich selbst liebt; Menschenkenntnis war nicht gerade seine Stärke. In dieser Hinsicht mußte man erst noch auf den Juden aus Wien warten. Wer sich selbst nicht liebte oder gar hasste, durfte also dem zweiten ‚Wort’ zufolge auch seine Mitmenschen hassen, man durfte morden, wenn man dann auch Selbstmord verübte wie Judas oder Hitler. Von der Hölle hatte Jesus offenbar keine Ahnung, aber das war eigentlich klar: schließlich war er ein Wesen, das Gott liebte wie sich selbst. Aber der Kern seiner Antwort lag im Ist-Gleich-Zeichen, das er zwischen die fünf Gebote auf der einen und die fünf auf der anderen Tafel setzte; eines Tages formulierte er sogar eine positive Version der Goldenen Regel: ‚Was Du willst, das man dir tu, das füge auch dem andern zu, denn das ist das Gesetz und die Propheten.
Harry Mulisch (The Discovery of Heaven)
Radek verstand Trotzkis zynische Haltung, die oft genug seiner eigenen entsprach, durchaus… "Wenn ich die Hekatomben von Blut, die bereits vergossen wurden seit letztem August, zu denen addiere, die dieser Krieg noch kosten wird, und dagegen das Blut rechne, das ein Bürgerkrieg fordern würde, der dem ganzen Elend ein rapides Ende setzt – was würde mehr wiegen?" – "Ein rapides Ende"' sagte Trotzki. "Ihr Wort in Gottes Ohr." – "Zu welcher Fraktion"' fragte Radek, "rechnen Sie Gott?" – Trotzki: "Dass wir Juden uns auch immer rückversichern wollen!
Stefan Heym (Radek)
„Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muß eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.“ Ich versank nach dem mehrmaligen Lesen dieser Zeilen in tiefes Nachsinnen. Es war kein Zweifel möglich, es war Antwort von Demian. Niemand konnte von dem Vogel wissen, als ich und er. Er hatte mein Bild bekommen. Er hatte verstanden und half mir deuten. Aber wie hing alles zusammen? Und — das plagte mich vor allem — was hieß Abraxas? Ich hatte das Wort nie gehört oder gelesen. „Der Gott heißt Abraxas!
Hermann Hesse
Sie braucht ewig lange, um eine Antwort zu schicken. Tausendzweihundert Sekunden, um es genau zu nehmen. Nicht dass ich mitzähle, das ist nur mein Herz, das zu heftig schlägt. Vielleicht ist es sogar ein Donnern. Ich weiß es nicht. Ich hör eh nur Rauschen. Ihre Antwort besteht aus einem einzigen Wort. Hi. Ich kann vor mir sehen, wie sie ihren Blick senkt. Wie sie das Wort viel zu schnell, viel zu hastig sagt und dann so tut, als hätte sie es nicht so gemeint. Als würde sie darauf hoffen, dass man sie gar nicht erst hört. Aber ich höre dich, ich höre dich immer.
Mehwish Sohail (Like water in your hands (Like This, #1))
Ich war kreuzunglücklich, und gleichzeitig nahm ich mir dieses Unglück zutiefst übel. Mir ist der Feminismus in die Wiege gelegt worden, ich habe schon mit vierzehn versonnen durch "Mythos Schönheit" geblättert, ein Buch, das schon deshalb bei uns herumlag, weil meine Mutter es übersetzt hatte. Ich war glühende Verfechterin von Body Positivity, noch bevor es das Wort überhaupt gab. In Wirklichkeit hatte ich aber natürlich gemeint: "Body Positivity für alle außer für mich selbst." Und jetzt, wo mein Körper meine Loyalität einforderte, konnte ich sie ihm nicht geben.
Judith Holofernes (Die Träume anderer Leute)
Stundenlang saß sie da, wägte sorgfältig Worte ab, lauschte ihrem Klang: verführerisch. Musik, vor allem, wenn sie bereits gesungen, sie schwirrten ihr durch den Kopf – wie allen, die mit Sprache umgehen. Wörter tauchen im Kopf auf und tanzen dort Rhythmen, die aus dem Unterbewusstsein auftauchen. Wortsplitter und –fetzen: Manchmal liefern sei einen Hinweis auf einen verborgenen Geisteszustand. Manchmal klimpern und klingeln sie tagelang und machen einen ganz verrückt. Und manchmal sind sie wie ein unsichtbarer Film, wie eine durchsichtige Folie zwischen einem selbst und der Wirklichkeit
Doris Lessing (Love, Again)
DIE GAZELLE Gazella Dorcas Verzauberte: wie kann der Einklang zweier erwählter Worte je den Reim erreichen, der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen. Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier, und alles Deine geht schon im Vergleich durch Liebeslieder, deren Worte, weich wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest, sich auf die Augen legen, die er schließt: um dich zu sehen: hingetragen, als wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen und schösse nur nicht ab, solang der Hals das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden im Wald die Badende sich unterbricht: den Waldsee im gewendeten Gesicht.
Rainer Maria Rilke (The Selected Poetry of Rainer Maria Rilke)
Hinzu kommt der Ton, in dem die Medien des Establishments über Fehlverhalten der Regierung berichten. Die journalistische Kultur in den USA gebietet es, dass Reporter jegliche eindeutige oder konkrete Aussage vermeiden und auch noch so fragwürdige Behauptungen der Regierung in ihrer Berichterstattung berücksichtigen. Stattdessen benutzen sie eine Sprache, die der eigene Kolumnist der Washington Post, Erik Wemple, als "politisch schwer gemäßigt" verspottet: niemals etwas Eindeutiges sagen, sondern sowohl die Rechtfertigungen der Regierung als auch die konkreten Tatsachen in der gleichen Glaubwürdigkeit darstellen, was insgesamt den Effekt hat, dass Enthüllungen verwässert und zu einem häufig ebenso zusammenhang- wie belanglosen Brei verquirlt werden. Vor allem messen sie Behauptungen von offizieller Seite stets großes Gewicht bei, selbst wenn diese schlicht unwahr oder absichtlich falsch sind. Ebendieser ängstliche, servile Journalismus war es, der die Times, die Post und viele andere Medien veranlasste, in ihren Berichten über die Verhörmethoden während der Regierung Bush das Wort "Folter" tunlichst zu vermeiden, obwohl sie nicht das geringste Problem damit hatten, wenn die Regierung eines anderen Staates auf der Welt exakt die gleichen Methoden einsetzte.
Glenn Greenwald (No Place to Hide: Edward Snowden, the NSA, and the U.S. Surveillance State)
Weil nun aber unser Zustand vielmehr etwas ist, das besser nicht wäre; so trägt Alles, was uns umgiebt, die Spur hievon – gleich wie in der Hölle Alles nach Schwefel riecht, – indem Jegliches stets unvollkommen und trüglich, jedes Angenehme mit Unangenehmem versetzt, jeder Genuß immer nur ein halber ist, jedes Vergnügen seine eigene Störung, jede Erleichterung neue Beschwerde herbeiführt, jedes Hülfsmittel unserer täglichen und stündlichen Noch uns alle Augenblicke im Stich läßt und seinen Dienst versagt, die Stufe, auf welche wir treten, so oft unter uns bricht, ja, Unfälle, große und kleine, das Element unsers Lebens sind, und wir, mit Einem Wort, dem Phineus gleichen, dem die Harpyen alle Speisen besudelten und ungenießbar machten. Alles was wir anfassen, widersetzt sich, weil es seinen eigenen Willen hat, der überwunden werden muß. Zwei Mittel werden dagegen versucht: erstlich die eulabeia, d.i. Klugheit, Vorsicht, Schlauheit: sie lernt nicht aus und reicht nicht aus und wird zu Schanden, Zweitens, der Stoische Gleichmuth, welcher jeden Unfall entwaffnen will, durch Gefaßtseyn auf alle und Verschmähen von Allem: praktisch wird er zur kynischen Entsagung, die lieber, ein für alle Mal, alle Hülfsmittel und Erleichterungen von sich wirft: sie macht uns zu Hunden: wie den Diogenes in der Tonne. Die Wahrheit ist: wir sollen elend seyn, und sind's. Dabei ist die Hauptquelle der ernstlichsten Uebel, die den Menschen treffen, der Mensch selbst: homo homini lupus. Wer dies Letztere recht ins Auge faßt, erblickt die Welt als eine Hölle, welche die des Dante dadurch übertrifft, daß Einer der Teufel des Andern seyn muß; wozu denn freilich Einer vor dem Andern geeignet ist, vor Allen wohl ein Erzteufel, in Gestalt eines Eroberers auftretend, der einige Hundert Tausend Menschen einander gegenüberstellt und ihnen zuruft: "Leiden und Sterben ist euere Bestimmung: jetzt schießt mit Flinten und Kanonen auf einander los!" und sie thun es.
Arthur Schopenhauer
Klarkommen war ihre Formulierung, und sie fragten mich, ob und nicht wie ich klarkäme, und deshalb konnte ich einfach immer Ja sagen. Ich wollte nicht reden, konnte den Schmerz und die dunklen, durcheinanderwirbelnden, ziellosen Gedanken nicht in Worte fassen, sosehr ich es auch versuchte. Nachts saß ich manchmal auf dem Fensterbrett, starrte in den Himmel und versuchte alles aufzuschreiben, aber es gab die Worte nicht. Schmerzen hatte man auch, wenn man sich in den Finger schnitt, Schwärze konnte schön sein, eine Leere konnte man füllen, und damit war alles zu wenig, zu oft benutzte Wörter, die nicht für das Schlimmste stehen konnten, das mir passiert war.
Boris Koch (Vier Beutel Asche)
Der vernichtende Blick, den er ihr als Antwort zuwarf, besagte nur zu deutlich, dass er alles andere als einverstanden war. »Einen Scheiß werd’ ich«, grollte er unwirsch. In Anbetracht seines hitzigen Temperaments hatte Katherine nichts anderes erwartet. Dennoch verspürte sie Enttäuschung. Nun gut, wenn er es so haben wollte. Sie räusperte sich erneut, lauter diesmal, und sah ihn streng an. »Dann, Mr Buchanan, lassen Sie mir keine andere Wahl, als Sie zu entlassen.« Er beugte sich weiter vor. Seine Augen wurden zu Schlitzen. »Nein, Sie verschwinden von hier, gottverdammt! Nehmen Sie Ihre verfluchte Ostküsten-Arroganz und Ihr affektiertes Getue und kehren Sie dorthin zurück, woher Sie gekommen sind! Hier ist, verdammt nochmal, kein Platz für eine wie Sie!« Seine unverblümten Worte ließen Katherine den Atem stocken. »Sie vergessen sich, Mr Buchanan«, wies sie ihn zurecht. »Und Sie vergessen, wem diese Ranch gehört. Ich werde Ihr respektloses Gebaren mir gegenüber nicht länger hinnehmen. Darum werden Sie heute noch Ihre Sachen packen und die Ranch verlassen!« Er biss die Zähne so fest aufeinander, dass seine Kiefermuskeln deutlich unter der Haut hervortraten. Einen Augenblick lang starrte er sie voller Wut an, dann stieß er sich unvermittelt von der Tischoberfläche ab und kam um den Tisch herum. Seine Sporenrädchen klirrten alarmierend. Er wirkte wie ein Panther, der zum todbringenden Sprung ansetzt.
Melanie Nova (Die Avantgardistin: Westwärts (German Edition))
Sie drehte sich im Kreis und versuchte, alles in sich aufzunehmen. Die von den Hecken wild überwucherten, sanft nach innen gedrückten verwitterten Latten des Zauns. Die parallel stehenden Bäume, die in ihren breit aufgefächerten Kronen, ihren geneigten Stämmen und in ihren Blätterwolken längst alle Rechteckigkeit zu einer verblassenden Erinnerung gemacht hatten. Das Meer aus Gras, aufgeschossenen Kräutern und Brennnesseln, durch das im leichten Septemberwind hellgrüne Wellen an einem Ende des Gartens zum anderen liefen. "Das ist alles...", wieder suchte sie nach dem richtigen Wort, "das ist alles wie eine wunderbare Strafe für den versuch, Sachen, die wachsen, in eine Form zu pressen. Verstehst du das nicht?
Ewald Arenz (Alte Sorten)
Sie flüsterte seinen Namen so behutsam wie ein Kind, das die einzelnen Worte probiert. Als er mit ihrem Namen antwortete, klangen die wenigen Silben wie ein neues Wort - der Laut war der gleiche, doch die Bedeutung hatte sich geändert. Und dann sprach er die drei Worte, die noch soviel schlechte Kunst, noch soviel Lug und Trug nicht ganz entwerten können. Sie wiederholte sie und legte genau die gleiche, leichte Betonung auf das zweite Wort, als wäre sie diejenige, die zuerst gesprochen hatte. Er glaubte an keinen Gott, doch es war unmöglich, nicht an eine unsichtbare Präsenz, an einen Zeugen im Zimmer zu denken und daran, dass diese laut gesprochenen Worte wie Unterschriften unter einem unsichtbaren Vertrag waren.
Ian McEwan (Atonement)
Das wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher ein Vorteil; denn Geschichten müssen vergangen sein, und je vergangener, könnte man sagen, desto besser für sie in ihrer Eigenschaft als Geschichten und für den Erzähler, den raunenden Beschwörer des Imperfekts. Es steht jedoch so mit ihr, wie es heule auch mit den Menschen und unter diesen nicht zum wenigsten mit den Geschichtenerzählern steht: sie ist viel älter als ihre fahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das Alter, das auf ihr liegt, nicht nach Sonnenumläufen zu berechnen; mit einem Worte: sie verdankt den Grad ihres Vergangenseins nicht eigentlich der Zeit, – eine Aussage, womit auf die Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur dieses geheimnisvollen Elementes im Vorbeigehen angespielt und hingewiesen sei.
Thomas Mann (The Magic Mountain)
auf einem spielplatz im park hat sich ein junges paar auf zwei schaukeln gesetzt und führt ein langes sondierendes gespräch. beide wollen nicht nur reden, aber ihre worte sind alles, was sie in dieser nacht füreinander haben. langsam wird es auch für die beiden zeit, den park zu verlassen. auch sie müssen nach hause, letzte verkehrsmittel erwischen. als sie gehen, ist der park nur noch vom geräusch der grillen durchzogen. in den umliegenden villen leuchten vereinzelte fenster und verdrängen die funkelnde pracht der sterne, die über dem park steht. in ungeordneter folge gehen die fensterlichter an, aus, kurz, lang. der park nimmt die seufzer, die schreie aus den häusern auf: wie ein schwamm. so vergeht die nacht. gegen morgen wankt ein irgendwo übersehener betrunkener aus seinem gebüsch, das er vorrübergehend beschlief, sucht seinen heimweg.
David Ramirer (2015 - fuck me tender)
Du bist immer allzu bescheiden gewesen, Vergil, doch kein Mann falscher Bescheidenheit; es ist mir klar, daß du deine Gaben absichtlich schlecht machen willst, um sie uns schließlich hinterrücks zu entziehen.' Nun war es ausgespochen, ach, nun war es ausgesprochen – unbeirrbar und hart ging der Cäsar auf sein Ziel los, un nichts wird ihn hindern, die Manuskripte zu rauben: 'Octavian, laß mir das Gedicht!' 'Sehr richtig, Vergil, das ist es ... Lucius Varius und Plotius Tucca haben mir von deinem erschreckenden Vorhaben berichtet, und gleich ihnen wollte ich es nicht glauben ... gedenkst du tatsächlich deine Werke zu vernichten?' Schweigen breitete sich im Raume aus, ein strenges Schweigen, das fahl und dünnstrichig konturiert in dem nachdenklich strengen Gesicht des Cäsars seinen Mittelpunkt hatte. Im Nirgendwo klagte etwas sehr leise und auch dies so dünn und geradlinig wie die Falte zwischen des Augustus Augen, dessen Blick auf ihn ruhte. 'Du schweigst', sagte der Cäsar, 'und dies heißt wohl, daß du dein Geschenk tatsächlich zurückziehen willst ... bedenke, Vergil, es ist die Äneis! deine Freunde sind sehr betrübt, und ich, du weißt es, ich rechne mich zu ihnen.' Plotias leises Klagen wurde vernehmlicher; dünn aneinandergereiht, betonungslos kamen die Worte: 'Vernichte die Dichtung, gib mir dein Schicksal; wir müssen uns lieben.' Das Gedicht vernichten, Plotia lieben, Freund dem Freunde sein, seltsam überzeugend fügte sich Verlockung an Verlokkung, und doch war es nicht Plotia, die daran teilnehmen durfte: 'Oh, Augustus, es geschieht um unserer Freundschaft willen; dringe nicht in mich.' 'Freundschaft? ... du sprichst, als ob wir, deine Freunde, unwert wären, dein Geschenk zu behalten.
Hermann Broch (The Death of Virgil)
Kleine Pause, damit ich die nächsten Worte, die mir, nicht einzeln, doch in ihrer Abfolge, aus gewissen, persönlichen Gründen heilig sind, mit dem entsprechenden Raum sprechen kann: Manchmal, sage ich, bin ich von Liebe und Hingabe ganz erfüllt. So ganz und gar, dass ich fast aufhöre, ich zu sein. Meine Sehnsucht, sie zu sehen und zu verstehen, ist so groß, dass ich mir wünsche, die Luft zwischen ihnen zu sein, dass sie mich einatmen und ich eins mit ihnen werde bis hinunter in die letzte Zelle. Ein anderes Mal bin ich wiederum so überschwemmt von Ekel, wenn ich sie vor mir sehe, diese Kadavermünder, wie sie essen und trinken und reden, und alles in ihnen wird zu Morast und Lüge, und ich fühle, wenn ich mir das noch einen Augenblick länger ansehen und anhören muss, werde ich auf das nächstbeste Gesicht so lange einprügeln, bis nichts mehr davon übrig ist.
Terézia Mora
»Marie, was bedeutet denn das? Da ist ja ein Herz draufgezeichnet und ein Pfeil und drei Buchstaben: E. v. B.?« Die Alte kam plötzlich ganz nahe an Manuela heran, so daß diese ihren Atem, der nach Kaffee roch, im Gesicht spürte. Eine ihrer braunen runzligen Hände legte sich auf Manuelas Arm, und lüstern sah sie ihr ins Gesicht, um die Wirkung ihrer Worte zu beobachten. »Was das heißt? Das heißt Elisabeth von Bernburg. Eine von den ›Damen‹. Die Damen, das sind die Erzieherinnen, müssen Sie wissen.« Und da Manuela noch kein Verständnis zeigte, flüsterte sie, als sei es ein tiefes Geheimnis: »Das junge Fräulein, dem diese Kokarde früher gehört hat, die hat eben wahrscheinlich für Fräulein von Bernburg was übriggehabt.« Manuela blickt etwas ratlos die Alte an. Diese reißt ihre Augen auf und, tausend Falten auf der Stirn, bohrt sie ihren unsauberen Blick in den des Kindes: »Geliebt – geliebt hat sie sie.«
Christa Winsloe (The Child Manuela)
Zuletzt aber: wozu müssten wir Das, was wir sind, was wir wollen und nicht wollen, so laut und mit solchem Eifer sagen? Sehen wir es kälter, ferner, klüger, höher an, sagen wir es, wie es unter uns gesagt werden darf, so heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt uns überhört! Vor Allem sagen wir es langsam... Diese Vorrede kommt spät, aber nicht zu spät, was liegt im Grunde an fünf, sechs Jahren? Ein solches Buch, ein solches Problem hat keine Eile; überdies sind wir Beide Freunde des lento, ich ebensowohl als mein Buch. Man ist nicht umsonst Philologe gewesen, man ist es vielleicht noch das will sagen, ein Lehrer des langsamen Lesens: – endlich schreibt man auch langsam. Jetzt gehört es nicht nur zu meinen Gewohnheiten, sondern auch zu meinem Geschmacke – einem boshaften Geschmacke vielleicht? – Nichts mehr zu schreiben, womit nicht jede Art Mensch, die "Eile hat", zur Verzweiflung gebracht wird. Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunst, welche von ihrem Verehrer vor Allem Eins heischt, bei Seite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden –, als eine Goldschmiedekunst und -kennerschaft des Wortes, die lauter feine vorsichtige Arbeit abzuthun hat und Nichts erreicht, wenn sie es nicht lento erreicht. Gerade damit aber ist sie heute nöthiger als je, gerade dadurch zieht sie und bezaubert sie uns am stärksten, mitten in einem Zeitalter der "Arbeit", will sagen: der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit Allem gleich "fertig werden" will, auch mit jedem alten und neuen Buche: – sie selbst wird nicht so leicht irgend womit fertig, sie lehrt gut lesen, das heisst langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen... Meine geduldigen Freunde, dies Buch wünscht sich nur vollkommene Leser und Philologen: lernt mich gut lesen!
Friedrich Nietzsche (Morgenröte/Idyllen aus Messina/Die fröhliche Wissenschaft)
»Sie haben uns förmlich von der Außenwelt abgeschnitten, Josua,« unterbrach Zwakh die Stille, »seit Sie das Fenster geschlossen haben, hat niemand mehr ein Wort gesprochen.« »Ich dachte nur darüber nach, als vorhin die Mäntel so flogen, wie seltsam es ist, wenn der Wind leblose Dinge bewegt,« antwortete Prokop schnell, wie um sich wegen seines Schweigens zu entschuldigen: »Es sieht gar so wunderlich aus, wenn Gegenstände plötzlich zu flattern anheben, die sonst immer tot daliegen. Nicht? – Ich sah einmal auf einem menschenleeren Platz zu, wie große Papierfetzen, – ohne daß ich vom Winde etwas spürte, denn ich stand durch ein Haus gedeckt, – in toller Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten, als hätten sie sich den Tod geschworen. Einen Augenblick später schienen sie sich beruhigt zu haben, aber plötzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung über sie, und in sinnlosem Grimm rasten sie umher, drängten sich in einen Winkel zusammen, um von neuem besessen auseinander zu stieben und schließlich hinter einer Ecke zu verschwinden. Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem Pflaster liegen und klappte haßerfüllt auf und zu, als sei ihr der Atem ausgegangen und als schnappe sie nach Luft. Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir Lebewesen auch so etwas Ähnliches wären wie solche Papierfetzen? – Ob nicht vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher »Wind« auch uns hin und her treibt und unsre Handlungen bestimmt, während wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freiem Willen zu stehen? Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wäre als ein rätselhafter Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: Weißt du, von wannen er kommt und wohin er geht? – – – Träumen wir nicht auch zuweilen, wir griffen in tiefes Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes ist geschehen, als daß ein kalter Luftzug unsere Hände traf?«
Gustav Meyrink
Brods 613 Traurigkeiten TRAURIGKEITEN DES KÖRPERS: Die Traurigkeit des Spiegels; die Traurigkeit, wie die Eltern oder nicht wie die Eltern auszusehen; die Traurigkeit, nicht zu wissen, ob der eigene Körper normal ist; die Traurigkeit zu wissen, dass der eigene Körper nicht normal ist; die Traurigkeit zu wissen, dass der eigene Körper normal ist; die Traurigkeit der Schönheit; die Traurigkeit des Make-ups; die Traurigkeit der körperlichen Schmerzen; die Traurigkeit der Stiche in einem eingeschlafenen Glied; die Traurigkeit der Kleider; die Traurigkeit des zuckenden Augenlids; die Traurigkeit der fehlenden Rippe; die bemerkbare Traurigkeit); die Traurigkeit, nicht bemerkt zu werden; die Traurigkeit, Geschlechtsorgane zu haben, die nicht wie die des geliebten Menschen sind; die Traurigkeit, Geschlechtsorgane zu haben, die wie die des geliebtenMenschen sind; die Traurigkeit der Hände... TRAURIGKEITEN DES BUNDES: Die Traurigkeit der Liebe Gottes; die Traurigkeit des Rückens [sie] Gottes; die Traurigkeit des bevorzugten Kindes; die Traurigkeit, vor seinem Gott traurig zu sein; die Traurigkeit des Gegenteils von Glauben [sie]; die Traurigkeit des »Was wenn?«; die Traurigkeit Gottes, der allein im Himmel ist; die Traurigkeit eines Gottes, der Menschen braucht, die zu ihm beten... TRAURIGKEITEN DES GEISTES: Die Traurigkeit, missverstanden zu werden; die Traurigkeit des Humors; die Traurigkeit der unerfüllten Liebe; die Traurigkeit, klug zu sein; die Traurigkeit, nicht genug Worte zu kennen, um auszudrücken, was man meint]; die Traurigkeit, verschiedene Möglichkeiten zu haben; die Traurigkeit, traurig sein zu wollen; die Traurigkeit der unerfüllten Liebe; die Traurigkeit zahmer Vögel; die Traurigkeit, ein Buch zu Ende gelesen zu haben; die Traurigkeit des Erinnerns; die Traurigkeit des Vergessens; die Traurigkeit der Angst... TRAURIGKEITEN DER MENSCHLICHEN BEZIEHUNGEN: Die Traurigkeit, vor dem eigenen Vater oder der eigenen Mutter traurig zu sein; die Traurigkeit der falschen Liebe; die Traurigkeit der Liebe; die Traurigkeit der Freundschaft; die Traurigkeit eines schlechten Gesprächs; die Traurigkeit dessen, was hätte sein können; die heimliche Traurigkeit... TRAURIGKEITEN DER SEXUALITÄT UND DER KUNST: Die Traurigkeit der sexuellen Erregung als ungewöhnlicher körperlicher Zustand; die Traurigkeit, das Bedürfnis zu erspüren, schöne Dinge zu erschaffen; die Traurigkeit des Anus; die Traurigkeit des Blickkontakts während Cunnilingus und Fellatio; die Traurigkeit des Küssens; die Traurigkeit, sich zu schnell zu bewegen; die Traurigkeit, sich gar nicht zu bewegen; die Traurigkeit des Aktmodells; die Traurigkeit der Porträtmalerei; die Traurigkeit von Pinchas T.s einziger bedeutender Abhandlung »An den Staub: Vom Menschen bist du, und zum Menschen sollst du werden«, in der er argumentierte, es sei theoretisch möglich, das Leben und die Kunst gegeneinander auszutauschen.
Jonathan Safran Foer (Everything is Illuminated)
Er drückte sich an den Tisch, auf den die Magd zum Gruß ein Glas Branntwein stellte, und blieb dort verhangenen Blicks den ganzen Vormittag unbeweglich sitzen. Unablässig spähten vom Fenster die Dorfkinder herein, lachten und schrien ihm etwas zu - er hob den Kopf nicht. Eintretende betrachteten ihn neugierig, er blieb, den Blick auf den Tisch gebannt, mit krummen Rücken sitzen, schamhaft und scheu. Und als mittags zur Essenszeit ein Schwarm Leute den Raum mit Lachen füllte, Hunderte Worte um ihn schwirrten, die er nicht verstand, und er, seiner Fremdheit entsetzlich gewahr, taub und stumm inmitten einer allgemeinen Bewegtheit saß, zitterten ihm die Hände so sehr, daß er kaum den Löffel aus der Suppe heben konnte. Plötzlich lief eine dicke Träne die Wange herunter und tropfte schwer auf den Tisch. Scheu sah er sich um. Die andern hatten sie bemerkt und schwiegen mit einemmal. Und er schämte sich: immer tiefer beugte sich sein schwerer, struppiger Kopf gegen das schwarze Holz.
Stefan Zweig (Episode am Genfer See)
Und glaube mir nur, Freund Höllenlärm! Die grössten Ereignisse – das sind nicht unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden. Nicht um die Erfinder von neuem Lärme: um die Erfinder von neuen Werthen dreht sich die Welt; unhörbar dreht sie sich. Und gesteh es nur! Wenig war immer nur geschehn, wenn dein Lärm und Rauch sich verzog. Was liegt daran, dass eine Stadt zur Mumie wurde, und eine Bildsäule im Schlamme liegt! Und diess Wort sage ich noch den Umstürzern von Bildsäulen. Das ist wohl die grösste Thorheit, Salz in's Meer und Bildsäulen in den Schlamm zu werfen. Im Schlamme eurer Verachtung lag die Bildsäule: aber das ist gerade ihr Gesetz, dass ihr aus der Verachtung wieder Leben und lebende Schönheit wächst! Mit göttlicheren Zügen steht sie nun auf und leidendverführerisch; und wahrlich! sie wird euch noch Dank sagen, dass ihr sie umstürztet, ihr Umstürzer! Diesen Rath aber rathe ich Königen und Kirchen und Allem, was alters- und tugendschwach ist – lasst euch nur umstürzen! Dass ihr wieder zum Leben kommt, und zu euch – die Tugend!
Friedrich Nietzsche (Also sprach Zarathustra und andere Schriften)
Ich bildete mir ein, keinen Menschen zu brauchen, ich bilde mir das noch heute ein. Ich brauchte keinen und also hatte ich keinen. Aber naturgemäß brauchen wir einen Menschen, sonst werden wir unweigerlich so, wie ich geworden bin: mühselig, unerträglich, krank, in des Wortes allertiefster Bedeutung unmöglich. Ich glaubte immer nur vollkommen allein, ohne irgendeinen Menschen meine Geistesarbeit verrichten zu können, was sich als Irrtum herausstellen mußte, aber auch, daß wir tatsächlich einen brauchen, ist wieder ein Irrtum, wir brauchen einen Menschen dazu und wir brauchen keinen und einmal brauchen wir einen und einmal brauchen wir keinen und einmal brauchen wir einen und brauchen gleichzeitig keinen, diese absurdeste aller Tatsachen ist mir jetzt, in diesen Tagen, wieder bewußt geworden; wir wissen nie und nicht, brauchen wir einen oder brauchen wir keinen oder brauchen wir gleichzeitig einen und keinen und weil wir nie und niemals wissen, was wir tatsächlich brauchen, sind wir unglücklich und dadurch unfähig, eine Geistesarbeit dann anzufangen, wann wir es wollen, wann es uns richtig erscheint.
Thomas Bernhard
Sie wenden sich gern ab oder lesen nicht weiter, wenn sie nur das Wort "Trans" hören oder ein Sternchen oder einen Unterstrich sehen – als verdienten Phänomene oder Menschen, die es seltener gibt, keine Aufmerksamkeit oder Wertschätzung. Als reichte die eigene Empathie nicht oder als sollte sie nicht reichen. Dabei ist es vielen bei den eher unwahrscheinlichen Figuren aus dem Kosmos von z.b. Shakespeare (...) ganz selbstverständlich, sich einzufühlen und ihre Geschichten verstehen zu wollen. Selten heißt schließlich nicht seltsam oder monströs. Selten heißt nur selten. Es sind womöglich nur Menschen, über die seltener Geschichten erzählt werden. Und es sind manchmal die Menschen mit besonderen, seltenen Eigenschaften oder Erfahrungen, in deren Sehnsüchten und Kämpfen um Anerkennung sich die Verletzbarkeit als condition humaine selbst spiegelt. Und so ist es gerade die Verwundbarkeit von Transpersonen, ihre Suche nach Sichtbarkeit und Anerkennung, in der sich jene wechselseitige Abhängigkeit zeigt, die uns als Menschen allgemein kennzeichnet. Insofern berührt und betrifft die Situation von Transpersonen alle. Nicht nur diejenigen, die so leben und empfinden wie sie. Die Rechte von Transpersonen sind so wichtig wie alle Menschenrechte, und sie zu begründen und zu verteidigen gehört zur Selbstverständlichkeit universalistischen Denkens.
Carolin Emcke (Gegen den Hass)
Hat schon jemand den Hymnus des Exils gedichtet, dieser schicksalsschöpferischen Macht, die im Sturz den Menschen erhöht, im harten Zwange der Einsamkeit neu und in anderer Ordnung die erschütterten Kräfte der Seele sammelt? Immer haben die Künstler das Exil nur angeklagt als scheinbare Störung des Aufstiegs, als nutzloses Intervall, als grausame Unterbrechung. Aber der Rhythmus der Natur will solche gewaltsame Zäsuren. Denn nur wer um die Tiefe weiß, kennt das ganze Leben. Erst der Rückschlag gibt dem Menschen seine volle vorstoßende Kraft. Der schöpferische Genius, er vor allem braucht diese zeitweilig erzwungene Einsamkeit, um von der Tiefe der Verzweiflung, von der Ferne des Ausgestoßenseins den Horizont und die Höhe seiner wahren Aufgabe zu ermessen. Die bedeutsamsten Botschaften der Menschheit, sie sind aus dem Exil gekommen, die Schöpfer der großen Religionen, Moses, Christus, Mohammed, Buddha, alle mußten sie erst eingehen in das Schweigen der Wüste, in das Nicht-unter-Menschen-Sein, ehe sie entscheidendes Wort erheben konnten. Miltons Blindheit, Beethovens Taubheit, das Zuchthaus Dostojewskis, der Kerker Cervantes', die Einschließung Luthers auf der Wartburg, das Exil Dantes und Nietzsches selbstwillige Einbannung in die eisigen Zonen des Engadins, alle waren sie gegen den wachen Willen des Menschen geheim gewollte Forderung des eigenen Genius. Aber auch in der niedern, in der irdischeren, in der politischen Welt schenkt ein zeitweiliges Außensein dem Staatsmann neue Frische des Blicks, ein besseres Überdenken und Berechnen des politischen Kräftespiels. Nichts Glücklicheres kann darum einer Laufbahn geschehen als ihre zeitweilige Unterbrechung, denn wer die Welt einzig immer nur von oben sieht, aus der Kaiserwolke, von der Höhe des elfenbeinernen Turmes und der Macht, der kennt nur das Lächeln der Unterwürfigen und ihr gefährliches Bereitsein: wer immer selbst das Maß in Händen hält, verlernt sein wahres Gewicht. Nichts schwächt den Künstler, den Feldherrn, den Machtmenschen mehr als das unablässige Gelingen nach Willen und Wunsch; erst im Mißerfolg lernt der Künstler seine wahre Beziehung zum Werk, erst an der Niederlage der Feldherr seine Fehler, erst an der Ungnade der Staatsmann die wahre politische Übersicht. Immerwährender Reichtum verweichlicht, immerwährender Beifall macht stumpf; nur die Unterbrechung schafft dem leerlaufenden Rhythmus neue Spannung und schöpferische Elastizität. Nur das Unglück gibt Tiefblick und Weitblick in die Wirklichkeit der Welt. Harte Lehre, aber Lehre und Lernen ist jedes Exil: dem Weichlichen knetet es den Willen neu zusammen, den Zögernden macht es entschlossen, den Harten noch härter. Immer ist dem wahrhaft Starken das Exil keine Minderung, sondern nur Kräftigung seiner Kraft.
Stefan Zweig (Fouché)
O lieb', solang du lieben kannst! O lieb', solang du lieben kannst! O lieb', solang du lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo du an Gräbern stehst und klagst! Und sorge, daß dein Herze glüht Und Liebe hegt und Liebe trägt, Solang ihm noch ein ander Herz In Liebe warm entgegenschlägt! Und wer dir seine Brust erschließt, O tu ihm, was du kannst, zulieb'! Und mach' ihm jede Stunde froh, Und mach ihm keine Stunde trüb! Und hüte deine Zunge wohl, Bald ist ein böses Wort gesagt! O Gott, es war nicht bös gemeint, - Der andre aber geht und klagt. O lieb', solang du lieben kannst! O lieb', solang du lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo du an Gräbern stehst und klagst! Dann kniest du nieder an der Gruft Und birgst die Augen, trüb und naß, - Sie sehn den andern nimmermehr - Ins lange, feuchte Kirchhofsgras. Und sprichst: O schau' auf mich herab, Der hier an deinem Grabe weint! Vergib, daß ich gekränkt dich hab'! O Gott, es war nicht bös gemeint! Er aber sieht und hört dich nicht, Kommt nicht, daß du ihn froh umfängst; Der Mund, der oft dich küßte, spricht Nie wieder: Ich vergab dir längst! Er tat's, vergab dir lange schon, Doch manche heiße Träne fiel Um dich und um dein herbes Wort - Doch still - er ruht, er ist am Ziel! O lieb', solang du lieben kannst! O lieb', solang du lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo du an Gräbern stehst und klagst!
Ferdinand Freiligrath
Hyperions Schicksalslied Ihr wandelt droben im Licht Auf weichem Boden, selige Genien! Glänzende Götterlüfte Rühren euch leicht, Wie die Finger der Künsterlin Heilige Saiten. Schicksallos, wie der schlafende Säugling, atmen die Himmlischen; Keusch bewahrt In bescheidener Knospe, Blühet ewig Ihnen der Geist, Und die seligen Augen Blicken in stiller Ewiger Klarheit. Doch ist uns gegeben, Auf keiner Stätte zu ruhn, Es schwinden, es fallen Die leidenden Menschen Blindlings von einer Stunde zu andern, Wie Wasser von Klippe Zu Klippe geworfen, Jahrlang ins Ungewisse hinab. Da ich ein Knabe war... Da ich ein Knabe war, Rettet’ ein Gott mich oft Vom Geschrei und der Rute der Menschen, Da spielt ich sicher und gut Mit den Blumen des Hains, Und die Lüftchen des Himmels Spielten mit mir. Und wie du das Herz Der Pflanzen erfreust, Wenn sie entgegen dir die zarten Arme strecken, So hast du mein Herz erfreut, Vater Helios! Und, wie Endymion, War ich dein Liebling, Heilige Luna! O all ihr treuen Freundlichen Götter! Daß ihr wüßtet, Wie euch meine Seele geliebt! Zwar damals rief ich noch nicht Euch mit Namen, auch ihr Nanntet mich nie, wie die Menschen sich nennen, Als kennten sie sich. Doch kannt ich euch besser, Als ich je die Menschen gekannt, Ich verstand die Stille des Äthers, Der Menschen Worte verstand ich nie. Mich erzog der Wohllaut Des säuselnden Hains Und lieben lernt ich Unter den Blumen. Im Arme der Götter wuchs ich groß.
Friedrich Hölderlin
Um eines Verses willen muß man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muß fühlen, wie die Vogel fliegen, und die Gebärde wissen, mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man muß zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die man lange kommen sag, - an Kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die man kränken mußte, wenn sie eine Freude brachten und man begriff sie nicht (es war eine Freude für einen anderen -), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen, verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, an Reisenächte, die hoch dahin- rauschten und mit allen Sternen flogen, - und es ist noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man muß Erinnerungen haben an viele Liebesnächte, von denen keine der andern glich, an Schreie von Kreißenden und an leichte, weiße, schlafende Wöchnerinnen, die sich schließen. Aber auch bei Sterbenden muß man gewesen sein, muß bei Toten gesessen haben in der Stube mit dem offenen Fenster und den stoßweisen Geräuschen, Und es genügt auch noch nicht, daß man Erinnerungen hat. Man muß sie vergessen können, wenn es viele sind, and man muß die große Geduld haben, zu warten, daß sie wiederkommen ... erst dann kann es geschehen, daß in einer, sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte, und aus ihnen ausgeht.
Rainer Maria Rilke (Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (German Edition))
Hast du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte, alles andere daraus verdrängend? Es gärte und kochte in dir, zur siedenden Glut entzündet sprang das Blut durch die Adern und färbte höher deine Wangen. Dein Blick war so seltsam als wolle er Gestalten, keinem andern Auge sichtbar, im leeren Raum erfassen und die Rede zerfloß in dunkle Seufzer. Da frugen dich die Freunde: »Wie ist Ihnen, Verehrter? - Was haben Sie, Teurer?« Und nun wolltest du das innere Gebilde mit allen glühenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und mühtest dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war dir, als müßtest du nun gleich im ersten Wort alles Wunderbare, Herrliche, Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht zusammengreifen, so daß es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe. Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien dir farblos und frostig und tot. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die nüchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche, hinein in deine innere Glut, bis sie verlöschen will. Hattest du aber, wie ein kecker Maler, erst mit einigen verwegenen Strichen, den Umriß deines innern Bildes hingeworfen, so trugst du mit leichter Mühe immer glühender und glühender die Farben auf und das lebendige Gewühl mannigfacher Gestalten riß die Freunde fort und sie sahen, wie du, sich selbst mitten im Bilde, das aus deinem Gemüt hervorgegangen!
E.T.A. Hoffmann (The Sandman)
Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glücks ergreift. Wie unwiderruflich sind sie doch dahin, und unbarmherziger sind wir von ihnen getrennt, als durch alle Entfernungen. Auch treten im Nachglanz die Bilder lockender hervor; wir denken an sie wie an den Körper einer toten Geliebten zurück, der tief in der Erde ruht und der uns nun gleich einer Wüstenspiegelung in einer höheren und geistigeren Pracht erschauern lässt. Und immer wieder tasten wir in unseren durstigen Träumen dem Vergangenen in jeder Einzelheit, in jeder Falte nach. Dann will es uns scheinen, als hätten wir das Maß des Lebens und der Liebe nicht bis zum Rande gefüllt gehabt, doch keine Reue bringt das Versäumte zurück. O möchte dieses Gefühl uns doch für jeden Augenblick des Glückes eine Lehre sein! Und süßer noch wird die Erinnerung an unsere Mond- und Sonnenjahre, wenn jäher Schrecken sie beendete. Dann erst begreifen wir, wie sehr es schon ein Glücksfall für uns Menschen ist, wenn wir in unseren kleinen Gemeinschaften dahinleben, unter friedlichem Dach, bei guten Gesprächen und mit liebevollem Gruß am Morgen und zur Nacht. Ach, stets zu spät erkennen wir, dass damit schon das Füllhorn reich für uns geöffnet war. Wisst Ihr, nicht die Schmerzen dieses Lebens, doch sein Übermut und seine wilde Fülle bringen, wenn wir uns an sie erinnern, uns den Tränen nah. Wenn wir zufrieden sind, genügen unseren Sinnen auch die kargsten Spenden dieser Welt. Und doch kommt alles Köstliche uns nur durch Zufall - das Beste geben die Götter uns umsonst. Leider kommt es, dass auf unbekannten Bahnen uns das Maß verlorengeht. Die Menschenordnung gleicht dem Kosmos darin, dass sie von Zeit zu Zeiten, um sich von neuem zu gebären, ins Feuer tauchen muss. Die Nähe des guten Lehrers gibt uns ein, was wir im Grunde wollen, und sie befähigt uns, wir selbst zu sein. Daher lebt uns das edle Vorbild tief im Herzen, weil wir an ihm erahnen, wessen wir fähig sind. Dies sei der Sinn des Lebens - die Schöpfung im Vergänglichen zu wiederholen, so wie das Kind im Spiel das Werk des Vaters wiederholt. Das sei der Sinn von Saat und Zeugung, von Bau und Ordnung, von Bild und Dichtung, dass in ihnen das große Werk sich künde wie in Spiegeln aus buntem Glase, das gar bald zerbricht. So leerten wir das Glas auf alte und ferne Freunde und auf die Länder dieser Welt. Uns alle fasst ja ein Bangen, wenn die Lüfte des Todes wehen. Dann essen und trinken wir im Sinnen, wie lange an diesen Tafeln noch Platz für uns bereitet ist. Denn die Erde ist schön. Und sollte die Erde wie ein Geschoss zerspringen Ist unsere Wandlung Feuer und weiße Glut. Doch müssen wir ja von jeder Stätte weichen, die uns auf Erden Herberge gab. Und doch dürfen wir auf dieser Erde nicht auf Vollendung rechnen, und glücklich ist der zu preisen, dessen Wille nicht allzu schmerzhaft in seinem Streben lebt. Es wird kein Haus gebaut, kein Plan geschaffen, in welchem nicht der Untergang als Grundstein steht, und nicht in unseren Werken ruht, was unvergänglich in uns lebt.
Ernst Jünger
Von der Freundschaft Und ein junger Mann sagte: Sprich uns von der Freundschaft. Und er antwortete und sagte: Euer Freund ist die Antwort auf eure Nöte. Er ist das Feld, das ihr mit Liebe besät und mit Dankbarkeit erntet. Und er ist euer Tisch und euer Herd. Denn ihr kommt zu ihm mit eurem Hunger, und ihr sucht euren Frieden bei ihm. Wenn euer Freund frei heraus spricht, fürchtet ihr weder das "Nein" in euren Gedanken, noch haltet ihr mit dem "Ja" zurück. Und wenn er schweigt, hört euer Herz nicht auf, dem seinen zu lauschen; Denn in der Freundschaft werden alle Gedanken, alle Wünsche, alle Erwartungen ohne Worte geboren und geteilt, mit Freude, die keinen Beifall braucht. Wenn ihr von eurem Freund weggeht, trauert ihr nicht; Denn was ihr am meisten an ihm liebt, ist vielleicht in seiner Abwesenheit klarer, wie der Berg dem Bergsteiger von der Ebene aus klarer erscheint. Und die Freundschaft soll keinen anderen Zweck haben, als den Geist zu vertiefen. Denn Liebe, die etwas anderes sucht als die Offenbarung ihres eigenen Mysteriums, ist nicht Liebe, sondern ein ausgeworfenes Netz: und nur das Nutzlose wird gefangen. Und laßt euer Bestes für euren Freund sein. Wenn er die Ebbe eurer Gezeiten kennen muß, laßt ihn auch das Hochwasser kennen. Denn was ist ein Freund, wenn ihr ihn nur aufsucht, um die Stunden totzuschlagen? Sucht ihn auf, um die Stunden mit ihm zu erleben. Denn er ist da, eure Bedürfnisse zu befriedigen, nicht aber eure Leere auszufüllen. Und in der Süße der Freundschaft laßt Lachen sein und geteilte Freude. Denn im Tau kleiner Dinge findet das Herz seinen Morgen und wird erfrischt.
Kahlil Gibran
… Das verschlug mir für einen Moment die Sprache, ich hatte nicht gedacht, dass es so schlimm um sie stand. »Das tut mir leid … Kann ich irgendetwas tun?« Nat lächelte schwach. »Hast du das nicht schon? Danke. Hau dich lieber ins Bett. Du musst früh raus. Oder hast du morgen keine Schicht?« Während ich die restliche Soße in einen Behälter füllte und in den Kühlschrank stellte, nickte ich bejahend. »Stimmt, Punkt fünf muss ich dort sein, um bei den Vorbereitungen zu helfen.« Seit ich vor sechs Monaten aus Amerika zurückgekommen war, jobbte ich als Frühstückskellner im Radisson Blu Palais Hotel, direkt am Parkring. Eine feine Adresse in Wien, vollgestopft mit gut betuchten Damen, die gerne zu viel Trinkgeld gaben. Mir konnte das mehr als Recht sein. Nur das Aufstehen war die Hölle. »Du weißt, wie streng meine Chefin ist, da gibt es kein Zuspätkommen.« Bei meinen Worten prustete Nat los: »Ja klar, als ob du sie nicht schon längst um den Finger gewickelt hättest mit deinen tiefblauen Augen«, wobei er das Wort tiefblau mit den Fingern in Anführungszeichen setzte und zu quietschen versuchte, wie es eine Bekannte von uns letzten Samstag auf einer Party getan hatte. Verspielt klimperte ich mit den Wimpern und lehnte mich an die Küchenzeile. Wieder musste Nat schmunzeln, wobei er dieses Mal schluckte, bevor er weiterredete: »Hör auf mit dem Scheiß. Verdammt, wenn ich eine Braut wäre, würde ich auch auf dich stehen. Aber weißt du was?« Nun tippte er mit der leeren Gabel in meine Richtung. »Ich würde nie mit dir ins Bett gehen, weil ich Angst vor Syphilis hätte.« Theatralisch griff ich mir mit der Hand an die Brust und verzog schmerzverzerrt das Gesicht. »Das tut weh! Dabei wärst du so eine geile Schnitte, mit deinen blonden Locken und braunen Augen. Du brichst mir das Herz.« Endlich erreichte Nats Lächeln auch wieder seine Augen und ich atmete innerlich erleichtert auf, bevor ich weiter blödelte. »Du bräuchtest dir gar keine Sorgen darum zu machen, Schatz. Ich nehme doch immer ein Kondom.« »Zum Glück«, betonte er laut, »für die ganze Stadt, sonst würden drei Viertel der Frauen bereits krank im Spital liegen.« Damit brachte er auch mich zum Lachen. »Du bist ein Idiot.« Anstatt mir eine schnelle Retourkutsche zu verpassen, zwinkerte er mir zu und stopfte sich genüsslich den nächsten Happen in den Mund. »Deshalb ist es auch keine schlechte Idee, wenn du wieder losziehst, um die Frauen anderer Städte zu beglücken, damit unsere in Frieden weiterleben können. Weißt du schon, wann es soweit ist?« Eigentlich hatte ich vorgehabt, spätestens im Herbst aufzubrechen und wieder für einige Zeit in Amerika herumzustreunen. Doch so wie mich Nat jetzt anguckte, wie ein zurückgelassener Welpe, meldete sich mein schlechtes Gewissen. Daher zuckte ich mit den Schultern. »Keine Ahnung. In den nächsten Monaten vielleicht. Warum?« Er fragte nicht grundlos, etwas in seinem Blick machte mich unruhig, aber ich konnte nicht sagen was oder warum. Wir hatten die letzten Wochen schon einige Male darüber geredet. Bisher hatte er noch nie Probleme damit gehabt, dass ich manchmal für drei, vier Monate aus dem Land verschwand. Nat leckte die Gabel ab und stellte das Geschirr in die Spüle. »Nichts. Nur so.« … (Bildquelle: pinterest) ‪
Martina Riemer
Wer nicht nur seine Nase zum Riechen hat, sondern auch seine Augen und Ohren, der spürt fast überall, wohin er heute auch nur tritt, etwas wie Irrenhaus-, wie Krankenhaus-Luft – ich rede, wie billig, von den Kulturgebieten des Menschen, von jeder Art »Europa«, das es nachgerade auf Erden gibt. Die Krankhaften sind des Menschen große Gefahr: nicht die Bösen, nicht die »Raubtiere«. Die von vornherein Verunglückten, Niedergeworfnen, Zerbrochenen – sie sind es, die Schwächsten sind es, welche am meisten das Leben unter Menschen unterminieren, welche unser Vertrauen zum Leben, zum Menschen, zu uns am gefährlichsten vergiften und in Frage stellen. Wo entginge man ihm, jenem verhängten Blick, von dem man eine tiefe Traurigkeit mit fortträgt, jenem zurückgewendeten Blick des Mißgebornen von Anbeginn, der es verrät, wie ein solcher Mensch zu sich selber spricht – jenem Blick, der ein Seufzer ist! »Möchte ich irgend jemand anderes sein!« so seufzt dieser Blick: »aber da ist keine Hoffnung. Ich bin, der ich bin: wie käme ich von mir selber los? Und doch – habe ich mich satt!«... Auf solchem Boden[863] der Selbstverachtung, einem eigentlichen Sumpfboden, wächst jedes Unkraut, jedes Giftgewächs, und alles so klein, so versteckt, so unehrlich, so süßlich. Hier wimmeln die Würmer der Rach- und Nachgefühle; hier stinkt die Luft nach Heimlichkeiten und Uneingeständlichkeiten; hier spinnt sich beständig das Netz der bösartigsten Verschwörung – der Verschwörung der Leidenden gegen die Wohlgeratenen und Siegreichen, hier wird der Aspekt des Siegreichen gehaßt. Und welche Verlogenheit, um diesen Haß nicht als Haß einzugestehn! Welcher Aufwand an großen Worten und Attitüden, welche Kunst der »rechtschaffnen« Verleumdung! Diese Mißratenen: welche edle Beredsamkeit entströmt ihren Lippen! Wieviel zuckrige, schleimige, demütige Ergebung schwimmt in ihren Augen! Was wollen sie eigentlich? Die Gerechtigkeit, die Liebe, die Weisheit, die Überlegenheit wenigstens darstellen – das ist der Ehrgeiz dieser »Untersten«, dieser Kranken! Und wie geschickt macht ein solcher Ehrgeiz! Man bewundere namentlich die Falschmünzer-Geschicklichkeit, mit der hier das Gepräge der Tugend, selbst der Klingklang, der Goldklang der Tugend nachgemacht wird. Sie haben die Tugend jetzt ganz und gar für sich in Pacht genommen, diese Schwachen und Heillos-Krankhaften, daran ist kein Zweifel: »wir allein sind die Guten, die Gerechten, so sprechen sie, wir allein sind die homines bonae voluntatis.« Sie wandeln unter uns herum als leibhafte Vorwürfe, als Warnungen an uns – wie als ob Gesundheit, Wohlgeratenheit, Stärke, Stolz, Machtgefühl an sich schon lasterhafte Dinge seien, für die man einst büßen, bitter büßen müsse: o wie sie im Grunde dazu selbst bereit sind, büßen zu machen, wie sie darnach dürsten, Henker zu sein. Unter ihnen gibt es in Fülle die zu Richtern verkleideten Rachsüchtigen, welche beständig das Wort »Gerechtigkeit« wie einen giftigen Speichel im Munde tragen, immer gespitzen Mundes, immer bereit, alles anzuspeien, was nicht unzufrieden blickt und guten Muts seine Straße zieht. Unter ihnen fehlt auch jene ekelhafteste Spezies der Eitlen nicht, die verlognen Mißgeburten, die darauf aus sind, »schöne Seelen« darzustellen, und etwa ihre verhunzte Sinnlichkeit, in Verse und andere Windeln gewickelt, als »Reinheit des Herzens« auf den Markt bringen: die Spezies der moralischen Onanisten und »Selbstbefriediger«.
Friedrich Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse/Zur Geneologie der Moral)
Aber in Venedig bekam das bloße Wort plötzlich für mich einen sinnlichen Inhalt. Ich kam von Mailand nachmittags in die geliebte Lagunenstadt. Kein Träger war zur Stelle, keine Gondel, müßig standen Arbeiter und Bahnbeamte herum, die Hände demonstrativ in den Taschen. Da ich zwei ziemlich schwere Koffer mit mir schleppte, blickte ich hilfesuchend um mich und fragte einen älteren Herrn, wo hier Träger zu finden seien. »Sie sind an einem schlechten Tag gekommen«, antwortete er bedauernd. »Aber wir haben jetzt oft solche Tage. Es ist wieder einmal Generalstreik.« Ich wußte nicht, warum Streik war, und fragte nicht weiter danach. Wir waren derlei von Österreich zu gewohnt, wo die Sozialdemokraten sehr zu ihrem Verhängnis allzuoft dieses ihr schärfstes Mittel einsetzten, ohne es dann faktisch auszuwerten. Ich schleppte also mühselig meine Koffer weiter, bis ich endlich aus einem Seitenkanal einen Gondoliere mir hastig und verstohlen zuwinken sah, der dann mich und die beiden Koffer aufnahm. In einer halben Stunde waren wir, an einigen gegen den Streikbrecher geballten Fäusten vorbeisteuernd, im Hotel. Mit der Selbstverständlichkeit einer alten Gewohnheit ging ich sofort auf den Markusplatz. Er sah auffallend verlassen aus. Die Läden der meisten Geschäfte waren herabgelassen, niemand saß in den Cafés, nur eine große Menge von Arbeitern stand in einzelnen Gruppen unter den Arkaden wie Menschen, die auf irgend etwas Besonderes warten. Ich wartete mit ihnen. Und dann kam es plötzlich. Aus einer Seitengasse marschierte oder eigentlich lief in hastigem Gleichschritt eine Gruppe junger Leute, gut geordnet, die in geübtem Takt ein Lied sangen, dessen Text ich nicht kannte – später wußte ich, daß es die ›Giovinezza‹ war. Und schon waren sie, Stöcke schwingend, in ihrem Laufschritt vorbei, ehe die hundertfach überlegene Masse Zeit gehabt hatte, sich auf den Gegner zu stürzen. Der verwegene und wirklich mutige Durchmarsch dieser kleinen organisierten Gruppe war so rasch erfolgt, daß sich die andern der Provokation erst bewußt wurden, als sie ihrer Gegner nicht mehr habhaft werden konnten. Ärgerlich scharten sie sich jetzt zusammen und ballten die Fäuste, aber es war zu spät. Der kleine Sturmtrupp war nicht mehr einzuholen. Immer haben optische Eindrücke etwas Überzeugendes. Zum erstenmal wußte ich jetzt, daß dieser sagenhafte, mir kaum bekannte Faschismus etwas Reales sei, etwas sehr gut Geleitetes, und daß er entschlossene, kühne junge Menschen für sich fanatisierte. Ich konnte meinen älteren Freunden in Florenz und Rom seitdem nicht mehr beipflichten, die mit einem verächtlichen Achselzucken diese jungen Menschen als eine ›gemietete Bande‹ abtaten und ihren ›Fra Diavolo‹ verspotteten. Aus Neugier kaufte ich mir einige Nummern des ›Popolo d'Italia‹ und spürte an dem scharfen, lateinisch knappen, plastischen Stil Mussolinis die gleiche Entschlossenheit wie bei dem Sturmlauf jener jungen Leute über den Markusplatz. Selbstverständlich konnte ich die Dimensionen nicht ahnen, die dieser Kampf schon ein Jahr später annehmen sollte. Aber daß ein Kampf hier und überall bevorstand und daß unser Friede nicht der Friede war, war mir von dieser Stunde bewußt.
Stefan Zweig (The World of Yesterday)
613 Traurigkeiten Traurigkeit des blauen Himmels, Traurigkeit der Wolken, Traurigkeit des Sommers, Traurigkeit der Sonne, Traurigkeit der Schafe, Traurigkeit des Beisammenseins, Traurigkeit von Weihnachten und Weihnachtsbäumen, Traurigkeit der Kuscheltiere, Traurigkeit des Schnees, Traurigkeit der Farbe, Traurigkeit der Gleise, Traurigkeit von Sex, Traurigkeit vor dem geliebten Menschen traurig zu sein, Traurigkeit der Schaukeln, Traurigkeit des Glücks, Traurigkeit des Meeres, Traurigkeit des Lachens, Traurigkeit der Heimat, Traurigkeit der Ferne, Traurigkeit intelligent zu sein TRAURIGKEITEN DES KÖRPERS: Die Traurigkeit des Spiegels; die Traurigkeit, wie die Eltern oder nicht wie die Eltern [auszusehen]; die Traurigkeit, nicht zu wissen, ob der eigene Körper normal ist; die Traurigkeit zu wissen, dass [der eigene Körper] nicht normal ist; die Traurigkeit zu wissen, dass der eigene Körper normal ist; die Traurigkeit der Schönheit; die Traurigkeit des M[ak]e-ups; die Traurigkeit der körperlichen Schmerzen; die Traurigkeit der Stiche in einem eingeschlafenen Glied; die Traurigkeit der Kleider [sie]; die Traurigkeit des zuckenden Augenlids; die Traurigkeit der fehlenden Rippe; die bemerkbare Traurigkeit); die Traurigkeit, nicht bemerkt zu werden; die Traurigkeit, Geschlechtsorgane zu haben, die nicht wie die des geliebten Menschen sind; die Traurigkeit, Geschlechtsorgane zu haben, die wie die des geliebten Menschen sind; die Traurigkeit der Hände... TRAURIGKEITEN DES BUNDES: Die Traurigkeit der Liebe Gottes; die Traurigkeit des Rückens [sie] Gottes; die Traurigkeit des bevorzugten Kindes; die Traurigkeit, vor seinem Gott traurig zu sein; die Traurigkeit des Gegenteils von Glauben [sie]; die Traurigkeit des »Was wenn?«; die Traurigkeit Gottes, der allein im Himmel ist; die Traurigkeit eines Gottes, der Menschen braucht, die zu ihm beten... TRAURIGKEITEN DES GEISTES: Die Traurigkeit, missverstanden zu werden [sie]; die Traurigkeit des Humors; die Traurigkeit der unerfüllten Liebe; die Traurigkeit, klug zu sein; die Traurigkeit, nicht genug Worte zu kennen, um auszudrücken, was man meint]; die Traurigkeit, verschiedene Möglichkeiten zu haben; die Traurigkeit, traurig sein zu wollen; die Traurigkeit der unerfüllten Liebe; die Traurigkeit zahmer Vögel; die Traurigkeit, ein Buch zu Ende gelesen zu haben; die Traurigkeit des Erinnerns; die Traurigkeit des Vergessens; die Traurigkeit der Angst... TRAURIGKEITEN DER MENSCHLICHEN BEZIEHUNGEN: Die Traurigkeit, vor dem eigenen Vater oder der eigenen Mutter traurig zu sein; die Traurigkeit der falschen Liebe; die Traurigkeit der Liebe [sie]; die Traurigkeit der Freundschaft; die Traurigkeit eines schlechten Gesprächs; die Traurigkeit dessen, was hätte sein können; die heimliche Traurigkeit... TRAURIGKEITEN DER SEXUALITÄT UND DER KUNST: Die Traurigkeit der sexuellen Erregung als ungewöhnlicher körperlicher Zustand; die Traurigkeit, das Bedürfnis zu verspüren, schöne Dinge zu erschaffen; die Traurigkeit des Anus; die Traurigkeit des Blickkontakts während Cunnilingus und Fellatio; die Traurigkeit des Küssens; die Traurigkeit, sich zu schnell zu bewegen; die Traurigkeit, sich gar nicht zu bewegen; die Traurigkeit des Aktmodells; die Traurigkeit der Porträtmalerei; die Traurigkeit von Pinchas T.s einziger bedeutender Abhandlung »An den Staub: Vom Menschen bist du, und zum Menschen sollst du werden«, in der er argumentierte, es sei theoretisch möglich, das Leben und die Kunst gegeneinander auszutauschen.
Jonathan Safran Foer
Mit einem Worte: durch die Wissenschaftslehre kommt der Geist des Menschen zu sich selbst, und ruht von nun an auf sich selbst, ohne fremde Hülfe, und wird seiner selbst durchaus mächtig, wie der Tänzer seiner Füße, oder der Fechter seiner Hände.
Johann Gottlieb Fichte (Sonnenklarer Bericht an das grössere Publicum über das eigentliche Wesen der neuesten Philosophie: Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen)
Er spürte, dass der Panther ihn verwirrt anstarrte. »Das stimmt nicht! Wir sind Freunde!« Die Worte waren ihm so vertraut, dass Lerio nicht anders konnte, als ein verbittertes Lachen auszustoßen. »Weißt du, wie häufig ich das als Kind gehört habe, wenn meine Familie versucht hat, sich in einem neuen Dorf anzusiedeln? Meine Geschwister waren noch nicht geboren, es war ein einsames Leben, immer so unterwegs und ohne andere Kinder zum Spielen. Doch jedes Mal, wenn ich unser Familiengeheimnis verraten habe, hat sich das Verhalten der Menschen um uns herum verändert. Zunächst fanden die Mädchen und Jungen es noch aufregend, dass ich ein Gestaltwandler bin, und haben mich gedrängt, es ihnen vorzuführen. Doch sobald sie ihren Eltern oder älteren Geschwistern erzählt haben, dass sie einen sprechenden Luchsjungen getroffen haben, fingen die Probleme an. Die Leute haben uns als Tiermenschen beschimpft, vor uns ausgespuckt, wenn wir auf der Straße an ihnen vorbeigingen, unsere Hütte mit Steinen beworfen, uns bestohlen und alles getan, um uns das Leben schwer zu machen. Ich durfte nicht mehr mit den Kindern spielen, die noch am Vortag behauptet hatten, meine Freunde zu sein. Mehr als einer von ihnen hat mich anschließend ebenfalls bespuckt und verhöhnt. Nein, es ist besser, wenn die Menschen unser Geheimnis nicht erfahren.«
Nicole Gozdek (Emanio - Der Schöne und das Biest)
Ja, ihretwegen", antwortete der Fürst leise, indem er sinnend und traurig den Kopf neigte und dabei nicht ahnte, mit welch flammendem Blick Aglaja ihn betrachtete, "ihretwegen, nur um zu erfahren... ich glaube nicht, an ihr Glück mit Rogoshin, obwohl... ich weiß, mit einem Wort, nicht, was ich hier für sie tun und wie ich ihr helfen könnte, ich bin aber doch gekommen." Er zuckte zusammen und blickte Aglaja an; diese hörte ihm haßerfüllt zu. "Wenn Sie, ohne zu wissen weshalb, gekommen sind, lieben Sie sie also nicht sehr?" sagte sie endlich. "Nein", antwortete der Fürst, "nein, ich liebe sie nicht. Oh, wenn Sie wüßten, mit welchem Entsetzen ich an die mit ihr verlebte Zeit zurückdenke!" Ein Zittern überlief bei diesen Worten seinen ganzen Körper. "Erzählen Sie alles", sagte Aglaja. "Es ist nichts dabei, dass Sie nicht mit anhören könnten. Ich weiß nicht, weshalb ich das alles Ihnen und nur Ihnen allein erzählen wollte; vielleicht weil ich sie wirklich lieb hatte. Diese unglückliche Frau ist tief davon überzeugt, dass sie das lasterhafteste, am tiefsten gefallene Geschöpf von der Welt sei. Oh, schänden Sie sie nicht, werfen Sie keinen Sinn auf sie. Sie hat sich selbst mit dem Bewußtsein ihrer unverdienten Schande nur zu sehr gequält! Und was hat sie denn verschuldet, o mein Gott! Sie ruft jeden Augenblick erregt aus, dass sie sich nicht für schuldig hält, dass sie ein Opfer der Menschen, ein Opfer eines Wüstlings und Schuftes ist; Sie müssen aber trotz aller dieser Worte wissen, dass sie die erste ist, die sich selbst nicht glaubt und dass sie im Gegenteil mit ihrem ganzen Gewissen davon überzeugt ist, dass... sie selbst schuldig ist. Wenn ich diese Trostlosigkeit zu verscheuchen versuchte, hatte sie so furchtbar darunter zu leiden, dass mein Herz niemals heilen wird, solange ich noch an diese furchtbare Zeit zurückdenken werde. Mir ist so, als hätte man mein Herz ein für allemal durchbohrt. Wissen Sie, weshalb sie von mir geflohen ist? Nur um mir zu beweisen, dass sie gemein ist. Das Furchtbarste daran ist aber, dass sie vielleicht selbst nicht wusste, dass sie mir das beweisen wollte, sondern deshalb floh, weil sie in ihrem Innern durchaus irgend etwas Schändliches begehen wollte, um sich dabei sagen zu können: Du hast eine neue Gemeinheit begangen, folglich bist du ein niedriges Geschöpf! Sie werden das vielleicht nicht begreifen, Aglaja! Wissen Sie denn, dass in diesem ununterbrochen Bewusstsein der Schande für sie vielleicht ein großes, unnatürliches Vergnügen enthalten ist, eine Art Rache an jemand! Ich brachte sie manchmal so weit, dass sie wieder Licht um sich sah; dann war sie aber gleich darüber entrüstet und ging so weit, dass sie mich voll Bitterkeit beschuldigte, ich stelle mich hoch über sie - ich dachte nicht im entferntesten daran - und mir endlich, als ich ihr vorschlug, sie zu heiraten, geradeaus erklärte, sie verlange von niemand hochmütiges Mitleiden, Hilfe oder ihre Erhebung. Sie haben sie gestern gesehen; glauben Sie denn wirklich, dass sie in dieser Gesellschaft glücklich ist, dass es ihr Kreis ist? Sie wissen nicht, wie intelligent sie ist und was sie alles zu begreifen imstande ist!
Fyodor Dostoevsky (The Idiot)
Ich bin eine erwachsene Frau, die längst Worte hat für das, was da passiert. Die nicht ausgeliefert ist und ohnmächtig, sondern die längst verstanden hat, dass das Problem der gesellschaftliche Rassismus ist und nicht die Haut eines kleinen Schwarzen Kindes. Und ich bin Mutter. Was bedeutet, dass es eine meiner wichtigsten Aufgaben ist, meine Schwarzen Kinder in diesen Situationen zu begleiten, sie vorzubereiten und sie aufzufangen.
Tupoka Ogette (Und jetzt du. Rassismuskritisch leben)
Öfteren im Sahlgrenska sein.“ „Ach der Mats!“ Die Miene von Knut Jacobson hellte sich auf. „Ja, den kenne ich, wir wechseln ab und zu ein paar Worte. Netter Kerl.“ „Ist er auch näher mit Elisabeth Andersson bekannt?“ „Mit Lizzi? Eigentlich nicht, aber warten Sie, es gab da ein blödes Gerücht. Lizzi würde sich ihm an den
Fiona Limar (Finstersommer: Schwedenthriller (German Edition))
Doch geht die Neigung, überall eine „Verkleidung" zu erkennen, viel tiefer; sie entspricht nicht nur einer proletarischen Stimmung, sondern ist von allgemeiner Bedeutung. Weit- hin werden alle kirchlichen und staatlichen Institutionen und Formen, alle rechtlichen Begriffe und Argumente, alles Offizielle, auch die Demokratie selbst, seitdem sie verfassungsmäßige Form ist, als leere und irreführende Verkleidungen empfunden, als Schleier, Fassade, Attrappe oder Dekoration. Die feinen und groben Worte, mit denen man das umschreibt, sind zahlreicher und stärker als die meisten entsprechenden Redewendungen anderer Zeiten, z. B. die von den „simulacra", deren sich die politische Literatur des 17. Jahrhunderts als ihres symptomatischen Schlagwortes be- dient. Heute wird überall gleich die „Kulisse" konstruiert, hinter der sich die eigentlich bewegende Wirklichkeit verbirgt. Darin verrät sich die Unsicherheit der Zeit und ihr tiefes Gefühl, betrogen zu sein. Eine Zeit, die aus ihren eigenen Voraussetzungen keine große Form und keine Repräsentation hervorbringt, muß solchen Stimmungen erliegen und alles For- male und Offizielle für einen Betrug halten. Denn keine Zeit lebt ohne Form, mag sie sich noch so ökonomisch gebärden. Gelingt es ihr nicht, die eigene Form zu finden, so greift sie nach tausend Surrogaten aus den echten Formen anderer Zeiten und anderer Völker, um doch das Surrogat sofort wieder als unecht zu verwerfen.
Carl Schmitt (Political Romanticism)
Bücher muss man fühlen, nicht katalogisieren. Dann bleiben sie ein Leben lang bei einem, selbst wenn man sie nicht mehr besitzt. Wie Erinnerungen, die dann und wann wieder auftauchen, zurückgerufen durch einen Geruch, einen Geschmack oder ein ganz besonderes Wort.
Kai Meyer (Die Bibliothek im Nebel)
Es war einmal ein Mann, der hieß Karl Wiktorowitsch Pauker. Er lebte in der Stadt Lemberg in Galizien. Er war Friseur, und es war ihm eine Freude, die Menschen nachzumachen. Wenn eine Frau die Haare sich frisieren oder ein Mann den Bart sich schneiden ließ, dann spielte er über den Spiegel nach, was der Kunde oder die Kundin vor ihnen gesagt hatte. Oder er spielte nach, wie Bürgermeister Adam Kilar am Sonntagvormittag über den Marienplatz stolzierte. Oder wie der berühmte Gelehrte Salomon Buber mitten auf der Straße überprüfte, ob die Buben den Hals gewaschen hatten. Oder wie Enni Rappaport, das stadtbekannte Kräuterweiblein, am Markt die verwelkten Blättchen von ihren Sträußchen abzupfte und dabei schimpfend ihren Speichel verteilte. Alle konnte er nachmachen, und niemand war ihm böse, wenn er von ihm nachgemacht wurde, denn er machte die Menschen im Nachmachen besser, als sie im Original waren. Dann brach der Erste Weltkrieg aus, und Karl Wiktorowitsch Pauker wurde zur Armee eingezogen. An der Front machte er Freund und Feind nach und brachte Freude den einfachen Soldaten und den Offizieren. Er wurde gefangen genommen und nach Moskau verschleppt und nach dem Krieg von den Bolschewiki befreit - auf sein Wort hin, dass er sich ihnen anschließe, denn zu jener Zeit gab es wenig zu lachen, und das wenige kam von ihm. Nach dem Tod des Genossen Lenin wurde Karl Wiktorowitsch Pauker der Leibwächter von Josif Stalin. Der Vater des Vaterlandes wollte den Friseur immer um sich haben, denn es gab immer noch nicht viel zu lachen, aber er lachte nun einmal gern, und Karl Wiktorowitsch sollte ihn zum Lachen bringen. Er schickte ihn zu den Prozessen und ließ sich nachspielen, wie Kamenew das Todesurteil aufgenommen hatte und wie Bucharin, wie Rykow, Radek, Pjatakow. Und Stalin lachte. Der Friseur machte nach, wie sich Sinowjew vor die Genossen des Erschießungskommandos auf den Boden geworfen, ihnen die Stiefel geküsst und wimmernd darum gebettelt habe, ihn mit seinem Freund Josif Wissarionowitsch telefonieren zu lassen, es könne sich doch nur um ein Missverständnis handeln, und wie er endlich Zuflucht genommen habe bei der alten jüdischen Klage Höre, Israel, unser Gott ist der einzige Gott ... Barukh Schern Kawod, Malkhutho le'Olam va'Ed! - Stalin sei vor Lachen fast erstickt, und Karl Wiktorowitsch habe Erste Hilfe leisten müssen mit Herzmassage und Mund-zu-Mund- Beatmung. Aber dann kam alles heraus. Der Friseur, hieß es, plane heimlich Anschläge gegen hohe Herren der Partei und der Armee, er habe eine Technik des Witzes entwickelt, die nachweislich zum Totlachen führen könne. So leid es dem Vater des Vaterlandes tat, den Mann zu verlieren, der ihn in einer Zeit, in der es wenig zu lachen gab, zum Lachen gebracht hatte, unterschrieb er das Todesurteil gegen seinen Leibwächter und Narren.
Michael Köhlmeier (Die Abenteuer des Joel Spazierer)
Ich brauchte keine Worte, um zu wissen, dass sie verstand. Es war, als erzählte das Gedächtnis ihres Körpers dem meines Körpers, was sie erlebt hatte. Auf irgendeine Weise verbanden sich unsere Augen und auch der unendliche Raum dahinter. Ich weiß nicht, ob ich jemals so tief in den seligen Ozean in den Augen eines Menschen geblickt habe, wie in diesem Moment mit Satya.
Sarina Samaya (Verwoben im wir)
[...] Sprache dient nicht nur der Mitteilung von etwas, sie selbst ist auch eine Form des Handelns. Folgt man der Sprachtheorie, dann sind Aussagen wie "Sie sind verhaftet", "Hiermit taufe ich dieses Schiff" oder "Ich verspreche" performative Akte. Ein Redner kann diese Dinge nur tun, indem er die dazu passenden Worte spricht. Das Vorwissen darüber, was gesagt werden wird, ändert nichts an solchen Handlungen. Bei einer Hochzeit fiebern alle den Worten "Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau" entgegen, und solange der Pfarrer sie nicht wirklich gesprochen hat, ist der zeremonielle Akt nicht gültig. Bei performativen Sprechakten sind Reden und Tun eins. Für die Heptapoden war alles Reden performativ. Sprache war für sie kein Werkzeug, um Informationen auszutauschen, sondern um Dinge wirklichkeitsgetreu darzustellen. Heptapoden wussten natürlich bei allen Gesprächen, wie sie verlaufen würden; damit ihr Wissen aber wahr sein konnte, musste das Gespräch erst stattfinden.
Ted Chiang (Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes)
Was für eine armselige Gestalt er abgibt. Steht da mit verzerrtem Gesicht, seine eine Hand hält die, mit der er gerade die Türscheibe eingeschlagen hat. Es gelingt ihm nicht, mich anzuschauen. Ob er blutet, frage ich ihn. Natürlich blutet er. Ich sehe ja überall die Spritzer. Schon als das erste Wort meinen Mund verlässt, weiß ich um die Unnötigkeit meiner Frage. Aber mehr Empathie schaffe ich gerade nicht. Er widert mich zu sehr an. Mein Mitleid ist schon lange aufgebraucht.
Paulina Czienskowski (Ein Manifest gegen die emotionale Verkümmerung)
‚In deinen Hallen werd’ ich meine Zunge hüten. Aus meinem Munde soll kein Klang erschallen, das kleinste Flüstern meine Stimme rauben. Leises Wispern füllt mein Ohr, deine Diebe nach ihr lüstern. Worte, Laute rauben sie, fangen sie in Gläsern. In deinen Hallen hör’ ich sie, Stimm' auf Stimmen, ewig flüstern. Rascheln, summen, atmen gar. Du, auf deinem Thron und deiner Stimmen Schar. Sich drehend, säuselnd in ihren gläsernen Gräbern, wie ein tanzendes Liebespaar. Doch meine sollst du nicht bekommen, sie dir ewig durch die Finger schlüpfen. Meine Worte bleiben mein allein, deine Strophen werde ich nicht singen, deine Reime ich nicht sprechen, an deine Verse ich nie knüpfen. Kein Wort wird über meine Lippen kommen, die Stimmen aus meinem Munde mich beflügeln, nur in deinen Hallen, ich meine Zunge zügeln.
Friderika Steinau
Gegen den Positivismus, welcher bei den Phänomenen stehn bleibt »es gibt nur Tatsachen«, würde ich sagen: nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen. Wir können kein Faktum »an sich« feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen. »Es ist alles subjektiv« sagt ihr: aber schon das ist Auslegung. Das »Subjekt« ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hinzu-Erdichtetes, Dahinter-Gestecktes. – Ist es zuletzt nötig, den Interpreten noch hinter die Interpretation zu setzen? Schon das ist Dichtung, Hypothese. Soweit überhaupt das Wort »Erkenntnis« Sinn hat, ist die Welt erkennbar: aber sie ist anders deutbar, sie hat keinen Sinn hinter sich, sondern unzählige Sinne. – »Perspektivismus.« Unsere Bedürfnisse sind es, die die Welt auslegen; unsere Triebe und deren Für und Wider. Jeder Trieb ist eine Art Herrschsucht, jeder hat seine Perspektive, welche er als Norm allen übrigen Trieben aufzwingen möchte.
Friedrich Nietzsche
Wort für Wort, Seite für Seite. Gedanken einfangen wie ein Vogel seine Beute, um sie in Sinn und Bild zu fassen. Die Welt verstehen wollen oder gar das Leben. Greifen in den Nebel des Seins, um Wahrheiten zu ergründen, an Vorstellungen zu bauen. Die Widersprüche lieben lernen.
Andreas Johannes Schodterer
Die Worte zischten scharf und ungehörig wie ein Fluch durch die Wohlanständigkeit der milden Abendluft.
David Talbot (Das Schachbrett des Teufels: Studienausgabe (German Edition))
Sie hielten Ihr Wort nicht, überließen mich meinem Schicksal, dem ganzen Gewicht der Schande, die mich erwartet, dem Zorn meiner Anverwandten, der Wut meines Vaters, glaubst du, daß ich dies alles abwarten würde? abwarten könnte? - gewiß nicht! - Die grauenvollste Wildnis würd ich aufsuchen, von allem, was menschliches Ansehn hat, entfernt, mich im dicksten Gesträuch vor mir selbst verbergen, nur den Regen des Himmels trinken, um mein Gesicht, mein geschändetes Ich nicht im Bach spiegeln zu dürfen; und wenn dann der Himmel ein Wunderwerk täte, mich und das unglückliche Geschöpf, das Waise ist, noch eh es einen Vater hat, beim Leben zu erhalten, so wollt ich, sobald es zu stammlen anfing, ihm statt Vater und Mutter, die gräßlichen Worte, Hure und Meineid, so lang ins Ohr schrein, bis es sie deutlich nachspräche, und dann in einem Anfall von Raserei durch sein Schimpfen mich bewöge, seinem und meinem Elend ein Ende zu machen.
H.L. Wagner (Die Kindermörderin)
Liebe. Was da alles hineingestopft, hineingerührt, hineingefüttert werden kann, in dieses eine Wort.
Hermann Kinder (Die klassische Sau. Das Handbuch der literarischen Hocherotik)
Noch einmal ehe ich weiterziehe und meine Blicke vorwärts sende, heb ich vereinsamt meine Hände zu dir empor, zu dem ich fliehe, dem ich in tiefster Herzenstiefe Altäre feierlich geweiht, daß allezeit mich deine Stimme wieder riefe. Darauf erglüht tief eingeschrieben das Wort dem unbekannten Gotte. Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte auch bis zur Stunde bin geblieben: Sein bin ich – und ich fühl die Schlingen, die mich im Kampf darniederziehn und, mag ich fliehn, mich doch zu seinem Dienste zwingen. Ich will dich kennen, Unbekannter. Du tief in meine Seele Greifender, mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender, du Unfaßbarer, mir Verwandter! Ich will dich kennen, selbst dir dienen.
Friedrich Nietzsche
Am nächsten Morgen hatten wir wieder Bibelarbeit unter Tannen, die Sonne schien, wir in 1000 m Höhe, jeder Tag war ein Geschenk. Hier wurde das Wort von dem Sohn Gottes gesagt, der Sünder errettet. In solcher Umgebung bekommt das Wort Gottes eine ganz neue Herrlichkeit.
Wilhelm Busch (Freiheit aus dem Evangelium)
Sie schwimmt zurück zur Treppe, zum Bademantel und zum Land, an dem jeder Schritt ein Gewicht hat und jedes Wort auch.
Mareike Fallwickl (Und alle so still)
Ob ein Wort diskriminierend ist, hängt vielmehr davon ab, in welcher Art und Weise es verwendet wird, wo, von wem und um was zu bewirken.
Black Voices (War das jetzt rassistisch?: 22 Anti-Rassismus-Tipps für den Alltag)
»Jetzt hör mir gut zu. Es sind nicht die Dinge, die du tust, die deinen Wert ausmachen, sondern dass ein Herz in deiner Brust schlägt. Du hast eine Seele, und das bedeutet, du darfst dich verletzt fühlen und müde, gestresst, traurig und wütend. Das alles, das darfst du fühlen. Jeder darf das.« Für meine nächsten Worte sammle ich meine ganze Kraft. »Deine Fähigkeit, alles zu schultern, permanent zweihundert Prozent zu geben, in allem, was du angehst, perfekt zu sein ... das sind keine Attribute, die aus dir einen wertvollen Menschen machen.« Ich halte kurz inne. »Und das sind auch nicht die Gründe, warum ich mich in dich verliebt habe.«
Sarah Adams
Schließe die Augen ... Denke einen Augenblick lang einfach darüber nach, was das Wort Vergebung wirklich bedeuten könnte, Was ist Vergebung? Und jetzt- ganz sanft- ohne Zwang - einfach als Experiment mit der Wahrheit - mir einen Moment lang - lasse das Bild eines Menschen in dir aufsteigen, dem du sehr böse bist - jemand, auf den du wütend bist und zu dem du ein distanziertes Verhältnis hast - lass diesen Menschen - sachte - ganz sachte - vor deinem inneren Auge auftauchen - als Bild und als Gefühl. Vielleicht spürst du den Menschen mitten in deiner Brust, als Angst oder als Widerstand. Wie immer er auch in dir erscheint, lade ihn einfach ganz sanft ein - für diesen Moment, für dieses Experiment. Und sage im Herzen still zu ihm: "Ich vergebe dir." "ich vergebe dir alles, was du mir früher angetan hast, mit oder ohne Absicht, und was mir wehgetan hat. Auf welche Weise du mir auch wehgetan hast, ich vergebe dir." Sprich sanft im Herzen zu ihm. mit deinen eigenen Worten - auf deine eigene Weise. Sage in deinem Herzen zu diesem Menschen: "Ich vergebe dir alles, was du in der Vergangenheit getan hast, mit oder ohne Absicht, mit Worten, Handlungen oder Gedanken, was mir wehgetan hat - ich vergebe dir. Ich vergebe dir." Lass es zu ... Lass zu, dass dieser Mensch berührt wird ... zumindest für einen Moment ... berührt von deiner Vergebung. Lass die Vergebung zu. Es tut so weh, jemanden aus seinem Herzen auszuschließen. Wie kannst du diesen Schmerz, diesen Groll auch nur einen Augenblick länger festhalten? Angst, Zweifel ... lass sie los ... und berühre den Menschen, für diesen Augenblick, mit deiner Vergebung. "ich vergebe dir." Jetzt lass ihn sanft gehen, lass ihn still fortgehen. Lass in mit deinem Segen gehen. Stell dir jetzt einen Menschen vor, der sehr böse auf dich ist. Spüre ihn, vielleicht in der Brust, oder sieh ihn vor deinem inneren Auge - spüre sein Wesen. Lade ihn sanft ein. Ein Mensch, der dir grollt, der wütend auf dich ist - jemand, der dir nicht verzeiht. Lass diesen Menschen in dein Herz ein. Und sage in deinem Herzen zu ihm: "Ich bitte dich um Vergebung für alles, was ich dir in der Vergangenheit angetan habe, mit oder ohne Absicht, und was dir wehgetan hat - vergib mir meine Worte, meine Handlungen, meine Gedanken. Auf welche Weise ich dir auch wehgetan habe, ich bitte dich um Vergebung. Ich bitte dich um Vergebung." Lass diese Vergebung herein. Lass dich von der Vergebung dieses Menschen berühren. Wenn Gedanken auftauchen, etwa, dass du dir selbst gegenüber zu nachsichtig seist, oder Zweifel, dann sieh einfach, wie erbarmungslos wir mit uns selbst umgehen, und öffne dich der Vergebung. Lass zu, dass dir vergeben wird. Lass zu, dass dir vergeben wird. "In welcher Weise ich dir auch wehgetan habe, ich bitte dich um Vergebung." Gestatte dir, diese Vergebung zu spüren. Lass die Vergebung zu. "In welcher Weise ich dir auch wehgetan habe, ich bitte dich um Vergebung." Gestatte dir diese Vergebung zu spüren. Lass die Vergebung zu. Und dann lass den Menschen sachte ... ganz sachte ... seinen Weg weitergehen. Er hat dir vergeben. Er segnet dich. Und wende dich nun im Herzen dir selbst zu und sage zu dir selbst: "Ich vergebe dir." Was auch immer dem im Wege stehen will - die Unbarmherzigkeit und die Angst - lass es los. Berühre es mit deiner Vergebung und deiner Barmherzigkeit. Und sprich dich mit deinem Vornamen an und sage im Herzen sanft zu dir: "..., ich vergebe dir." Es tut so weh, sich selbst aus seinem eigenen Herzen auszuschließen. Lass dich ein. Lass dich von dieser Vergebung berühren. Lass die Heilung herein. Sage zu dir selbst: "Ich vergebe dir." Lass diese Vergebung sich über alle Wesen um dich herum ausbreiten.
Stephen Levine (Geleitete Meditationen.)
Ich denke an Wörter […] Wenn du lange genug über ein Wort nachdenkst, wird es fremd.
Ewald Arenz (Der Teezauberer)
Du bist nur ein Kind. Du hast nicht die blasseste Ahnung wovon du eigentlich sprichst.... Fragen zur Kunst würdest du mit einem Vortrag über Bücher zu diesem Thema beantworten. Michelangelo - Du wirst alles wissen. Sein Lebenswerk kennst du, seine Ansichten, sein Verhältnis zum Papst, seine sexuellen Neigungen, einfach alles. Aber ich wette du kannst mir nicht sagen wonach es in der sixtinischen Kapelle riecht. Du bist nie da gewesen und hast diese wunderbare Decke gesehen - dort oben. - Bei Fragen über Frauen hältst du bestimmt einen Vortrag darüber wie sie sein müssten. Vielleicht hast du auch schon 1 oder 2 im Bett gehabt. Aber du kannst mir nicht sagen wie es ist, neben einer Frau aufzuwachen und sich glücklich zu fühlen. Du bist cool drauf. Und wenn ich dich auf den Krieg ansprechen würde kämst du mir vielleicht mit Shakespeare "Noch einmal stürmt, noch einmal stürmt, Freunde" ...Du hast aber keine Freunde. Du hast nie den Kopf eines Freundes gehalten und musstest mit ansehen wie er dich mit den Augen anfleht während er stirbt. - Wenn's um die Liebe geht, zitierst du wahrscheinlich ein Sonett. Hast dich aber beim Anblick einer Frau noch nie wehrlos gefühlt, weil sie dich mit den Augen in ihren Bann gezogen hat, wo du dann das Gefühl hast, Gott hat dir einen Engel geschickt, der dich aus den tiefen der Hölle rettet... für den auch du mal der Engel wirst. Du kennst einfach nicht das Gefühl für jemanden da zu sein, komme was wolle... wie etwa Krebs. Du weißt nicht wie das ist, 2 Monate lang am Krankenbett einer Frau zu sitzen und ihre Hand zu halten.... Die Ärzte erkennen an deinem Blick, dass das Wort "Besuchszeit" für dich keine Bedeutung hat. Du weißt nicht was ein wirklicher Verlust ist, denn das lernst du nur, wenn du jemanden mehr liebst als dich selbst. Ich bezweifle, dass du dich je getraut hast einen Menschen so zu lieben.....Wenn ich dich so anschaue, dann sehe ich keinen intelligenten, selbstbewussten Mann, ich sehe ein überhebliches Kind das die Hosen gestrichen voll hat." (Sean Maguire)
Gus Van Sant (Good Will Hunting)
Und erzählen tat er, denn in seinen Adern floss der Wein des Berichtens, und der Himmel hatte gewollt, dass es seine Gewohnheit war, die Dinge der Welt zuerst sich selbst darzulegen, um sie zu verstehen, und danach den anderen kundzutun, in die Musik und das Licht der Literatur gekleidet, denn er erahnte, dass das Leben, wenn schon kein Traum, so doch zumindest eine Pantomime war, wo die grausame Ungereimtheit der Geschichte immer hinter den Kulissen floss, und zwischen Himmel und Erde gab es keine größere und wirksamere Rache, als die Schönheit und den Geist mit der Macht des Wortes zu meißeln, um hinter der Sinnlosigkeit der Dinge den Sinn zu finden.
Carlos Ruiz Zafón (Der Fürst des Parnass)
(...) nicht nur daß für ihre gefinkelte Angst und ihr besserwisserisches Mißtrauen die Erkenntnis zu einer schieren Überflüssigkeit geworden ist, zu einem bloßen Wortschwindel, der weder Genuß noch Vorteil verschafft und überdies, drechselt man noch schlauere Worte, jederzeit übertölpelt werden kann, und nich nur daß hiedurch Liebe, Hilfe, Verständigung, Vertrauen, Sprache, eines das andere bedingend, zu einem leeren Nichts aufgelöst werden, und nicht nur daß infolgedessen die reine Abzählbarkeit allein noch als ein zuverlässiger Halt übrigzubleiben scheint, es ist ihnen auch dies noch nicht zuverlässig genug, und so leidenschaftlich sie sich dem Sesterzenzählen und der Sesterzenrechnerei ergeben haben, sie vermögen damit ihre Angst kaum mehr zu beruhigen, sie durchschauen auch dies noch als Windigkeit, und darob nahezu verzweifelt, fühlen sie sich in eine letzte, wenngleich noch immer witzig-wisserische, witzig-genießerische Selbstverspottung getrieben, lachensgeschüttelt, weil vor der innersten Angst nichts standhält und sogar das Ausrechenbare nicht eher als glaubwürdig und zuverlässig sich erweisen will, bevor man nicht unter Anwendung der passenden Zauberformel die Münze bespuckt hat; leichtgläubig dem Wunder gegenüber - im Grunde ihre menschlichste und immerhin freundlichste Eigenschaft - waren sie schwergläubig für die Wahrheit, und gerade das machte sie, die so überaus berechnend zu sein glaubten, völlig unberechenbar, machte ihre Angstversperrtheit schlechthin undurchschaubar und am Ende völlig unzugänglich.
Hermann Broch
Prinzessin Dylia musste allerdings tadeln, dass das Wort Palindrom selbst kein Palindrom war. Man hätte es doch Mordilidrom nennen können oder so, dann wäre es auch ein Palindrom, aber wenigstens ein richtiges. Aber diese Linguisten waren für ihre Einfallslosigkeit und Denkfaulheit genauso bekannt wie die meisten anderen Akademiker.
Walter Moers
Er ist der einzige Freund, den ich zurücklasse ... ich hätte gern alle Menschen als meine Freunde zurückgelassen, alle; aber ich habe keinen zum Freund gewinnen können, keinen ... Ich wollte wirken und schaffen; ich hatte ein Recht darauf ... Oh, wie vieles wollte ich! Jetzt will ich nichts mehr; ich will nichts mehr wollen; ich habe mir das Wort darauf gegeben, nichts mehr zu wollen.
Fyodor Dostoevsky (L'Idiot)
Und wandelte Magdalena im finsteren Tal, zwischen den Wesen, die schauten sie an, streckten die Hände aus nach ihr. Was kann ich tun? sagte Magdalena. Da war ein Sturz aus fernen Höhlen, viele Tücher wurden zurückgeschlagen, und war Nacktheit in allen Öffnungen, die sprachen das Wort: Bedürftigkeit. War ausgestreckter Hände voll der Ort und suchender Augen, die wollten. Und Magdalena ging und sollte bringen, sie hatte aber nichts, war leer und arm. Ich muss wandern, dachte sie, und demütig schlugen die Gestalten ihre Augen nieder, und blieben stehen am Wegrand, zurück, wie dunkle Pfähle, die Hände halb gestreckt aus den Gewändern, müde Geste, verzagte Forderung, so würden sie stehenbleiben, lange, oh, so lange, und würde in ihren Herzen schlummern der Gedanke: sie wird wiederkommen, sie wird wiederkommen, und sie würden stehen und warten, die Äonen würden niederfallen, und Schnee sinken im kalten Wind ... Du bist die, die ihnen verheißen wurde, sagte die Stimme, und Magdalena floh, denn was konnte sie geben? Sie hatte nichts, leer waren ihre Gebärden. Und verzweigt waren die Täler, voll kühler Ungeduld. Der Morgen floss von den Höhen, blasses Auge der Nebelsonne. Zurück sah Magdalena hinunter ins Tal, da standen die Tannen, die dunklen Hallen. Und Magdalena fühlte eine schwache Spur von Glück, ich bin nicht der Gärtner eures Unbehagens, sagte sie, und die Bäume rauschten im Wind. Entronnen, sagte Magdalena laut, entronnen ...
Peter von Mundenheim
Ich schaue zu meinem Fenster hinaus, vor dem dicke Schneeflocken wirbeln wie aus dem Bilderbuch. Ich stelle mir vor, eine der ¬Flocken mit der Zunge aufzufangen, wie ich es als Kind getan hatte – auf dass sie darauf ¬zerschmelze. Bald ist alles nur noch weiss eingepackt und verhüllt. Der Schnee dämpft den Lärm, macht die Welt wohliger und überdeckt mit seiner Weissheit alles Bangen. Die Formen werden weicher und das Land bekommt etwas Verwunschenes. Die Umgebung verwandelt sich in eine Traumlandschaft voller skurriler Formen, die Freundlichkeit unter Wildfremden erzeugt. Hier ein Lächeln, da ein gutes Wort und die Welt wie verzaubert.
Anna Asche
Ich bin kein kleiner, pulsierender Punkt inmitten einer Kraterlandschaft, ich bin keine Wölbung, trete nicht von innen beherzt gegen eine Bauchdecke oder spiele in Ermangelung anderer Beschäftigungen mit der Nabelschnur herum, um schon einmal die Langeweile zu üben. Ich sorge ja noch nicht einmal für morgendliche Übelkeit. Dabei würde ich nichts lieber wollen, als so wunderbar wahllos und ausgeliefert vor mich hinzuwachsen. Dann hätte ich neun Monate Zeit, um mich auf alles vorzubereiten. Ich könnte mir zum Beispiel in Ruhe überlegen, was wohl mein erstes Wort sein soll, damit mir nicht im entscheidenden Moment doch nur wieder "Mama" oder "Ball" herausrutscht, das wäre mir unangenehm, da habe ich höhere Ansprüche.
Tilman Rammstedt (Morgen mehr)
Bildung ist der Motor persönlicher Entwicklung. Durch Bildung wird aus der Tochter eines Bauers einen Ärztin, aus dem Sohn eines Mienenarbeiters deren Leiter, aus dem Kind eines Landarbeiter Präsident einer marken Nation. Was wir aus dem machen was uns mitgegeben wird, unterscheidet letztendlich erst einen Menschen vom anderen.
Nelson Mandela (Meine Waffe ist das Wort: Mit einem Vorwort von Desmond Tutu)
Es war schon lange dunkel. [...] Ein bleicher Mond spazierte über den Hof, Schweigen legte sich auf die umstehenden Häuser. Ich bat Salim, nur noch die letzte Kasette auszuprobieren. Salim lehnte mit dem Kopf an der Wand, er hatte die Augen geschlossen; auch ich war im Sitzen fast eingeschlafen. Doch diesmal erreichten die Lieder Netanel, denn plötzlich fuhr er hoch und rannte zu seinem Mandarinenbaum, umarmte dessen Stamm und weinte. Wie ein kleines Kind weinte er, nicht wie ein Jugendlicher. Die Klänge ergossen sich in den Hof wie geschmolzene Butter mit Honig. Ein großes Orchester spielte dort, mit Geigen und Cello und allem Drum und Dran. Salim lehnte sich so weit zurück, dass er den Kopf auf die Stuhllehne legen konnte, und konzentrierte sich auf den Himmel. Wie segenspendender Regen tropften die Klänge auf die Erde. [...] Diese Kassette hörten wir dann immer wieder. Salim konnte die Texte schon fast auswendig, aber ihre Bedeutung verstand er nicht. [...] In dem einen Lied kam immer wieder das Wort "pie" vor; das musste eine Art Kuchen sein, etwas Gebackenes. Ich kannte es nicht.
Daniella Carmi (Lucy im Himmel)
Für sie zählt nur, wer sie erzählt. Die ach so wichtigen Worte, mit ach so viel Bedeutung. Hochmut. Beflissenheit. Facettenreichtum. Sie würden es nicht ertragen, ein Wort ohne Bedeutung gewinnen zu sehen. Mit dem Kamel, dem Wüstenschiff, konnten sie sich arrangieren. Eine schöne Metapher. Aber du? Wofür stehst du?
Elias Vorpahl (Der Wortschatz)
Nicht, dass ich es dir verdenken könnte. Ich bin ausgesprochen koitabel – im Grunde das große Los. Eine Weile war ich sogar König.« »Wenn Worte Reichtum wären«, seufzte der Mohr. »Du wärst ein König unter Königen, aber im Moment bist du nur klein, nass und laut.«
Christopher Moore (The Serpent of Venice)
Das scheue Reh des Kapitals, das goldige Bambi, ein Fluchttier, das ängstlich zitternd im Börsendickicht äst. Ein falsches Wort, es knackt im Unterholz, ein Finanzminister fällt vom Ast, und schon schrickt es auf und springt über den Zaun und rennt nach Luxemburg, das scheue Reh.
Georg Schramm (Lassen Sie es mich so sagen : Dombrowski deutet die Zeichen der Zeit)
Sogar das Wort, mit dem sie den Balkon bezeichneten, fiel ihm wieder ein: Zamurrad (Smaragd) - so hieß der verwöhnte Pfau, der mit seinem Harem in Laljis Garten wohnte.
M.M. Kaye
Wenn wir die Chance in der Gegenwart nicht ergreifen, werden wir in Zukunft auf unsere Vergangenheit zurückblicken und bedauern, nichts daran geändert zu haben.
Jojo Moyes
Man sagt, als ich geboren, hat die Mutter Die Brust zu nehmen zärtlich mich gelehrt, Und jede Nacht an meiner Wiege sitzend Hat wachend sie das Schlafen mich gelehrt. Sie legte lächelnd ihren Mund auf meinen, Die Knospe hat zu öffnen sie gelehrt, Nahm meine Hand und setzte Fuß vor Fuß mir, Bis sie die Kunst des Gehens mich gelehrt. Ein Ton, zwei Töne, legte sie die Worte Mir in den Mund, hat sprechen mich gelehrt. Drum ist mein Dasein Teil von ihrem Dasein - Solang' ich leb', ist sie mir lieb und wert.
iradsch mirza
Überhaupt muß man auf mehr als einem Wege zum Ziel dringen können. Jeder gehe ganz den seinigen, mit froher Zuversicht, auf die individuellste Weise, denn nirgends gelten die Rechte der Individualität – wenn sie nur das ist, was das Wort bezeichnet, unteilbare Einheit, innrer lebendiger Zusammenhang – mehr als hier, wo vom Höchsten die Rede ist; ein Standpunkt, auf welchem ich nicht anstehen würde zu sagen, der eigentliche Wert ja die Tugend des Menschen sei seine Originalität.
Friedrich Schlegel
Denk mal nicht an Liebe, denn das ist ein riskantes Wort für Leute über Vierzig.
Terry Pratchett (Men at Arms (Discworld, #15; City Watch, #2))
Worte dienten nicht so sehr dazu, Gedanken auszudrücken, als vielmehr dazu, deren Abwesenheit zu verbrämen. Auf die Eleganz des Ausdrucks wurde mehr Wert gelegt als auf Klarheit. Schönschreiben. Schönreden. Schönfärben. Eine hohe Schule auf dem gespannten Seil der Hochsprache.�
Ursula Krechel (Landgericht)
Das Fräulein Scuderi? Bei meiner Seele! In diesem Wort weht 'was von ihrem Atem. Und kommt's von ihr, dann hat dies kleine Lied Eine Geschichte, die mich intressiert.
Otto Ludwig (Das Fräulein von Scuderi)
Denn heute ist ein Wort, das nur Selbstmörder verwenden dürften [...]
Ingeborg Bachmann
...unterm gefährlich flackernden Stern jener Magdalena, die noch von den sieben Dämonen in ihrer Brust gehetzt wird: Frauen also, denen die Liebe Atemluft ist, Entsagung Sünde wider die Natur, Untreue ein Gebot der Treue, die sie dem eigenen Selbst halten. ... von Kopf bis Fuss auf Liebe eingestellt, Verderberin im Dienst einer höheren Gerechtigkeit, ein gefallener, zur Unterscheidung von seinen weissen, reinen Schwestern: blauer Engel.
Alfred Polgar (Marlene)
Der Raum der Kirche ist nicht dazu da, um der Welt ein Stück ihres Bereiches streitig zu machen, sondern gerade um der Welt zu bezeugen, daß sie Welt bleibe, nämlich die von Gott geliebte und versöhnte Welt.
Manfred Weber (Dietrich Bonhoeffer. Worte für jeden Tag (German Edition))
24. Juli Ein Glaube, der nicht hofft, ist krank.
Manfred Weber (Dietrich Bonhoeffer. Worte für jeden Tag (German Edition))
Es kommt in einer christlichen Gemeinschaft alles darauf an, daß jeder Einzelne ein unentbehrliches Glied einer Kette wird.
Manfred Weber (Dietrich Bonhoeffer. Worte für jeden Tag (German Edition))
Worte sind eine Waffe. Wähle sie mit Umsicht.
Katja Piel (Silberlicht (Schwanenzauber, #1))
Das Evangelium bleibt als die eine und einzige wahre Verkündigung von Gott und seiner Herrschaft über alle Welt.
Manfred Weber (Dietrich Bonhoeffer. Worte für jeden Tag (German Edition))
Nicht ein Gesetz, sondern der lebendige Gott und der lebendige Mensch, wie er mir in Jesus Christus begegnet, ist Ursprung und Ziel meines Gewissens.
Manfred Weber (Dietrich Bonhoeffer. Worte für jeden Tag (German Edition))
Eine christliche Gemeinschaft lebt aus der Fürbitte der Glieder füreinander, oder sie geht zugrunde.
Manfred Weber (Dietrich Bonhoeffer. Worte für jeden Tag (German Edition))
1. September Wenn wir nicht den Mut haben, wieder ein echtes Gefühl für menschliche Distanzen aufzurichten und darum persönlich zu kämpfen, dann kommen wir in einer Anarchie menschlicher Werte um.
Manfred Weber (Dietrich Bonhoeffer. Worte für jeden Tag (German Edition))
Das ›Christliche‹ ist nicht etwas jenseits des Menschlichen, sondern es will mitten im Menschlichen sein. Das ›Christliche‹ ist nicht ein Selbstzweck, sondern es besteht darin, daß der Mensch als Mensch vor Gott leben darf und soll.
Manfred Weber (Dietrich Bonhoeffer. Worte für jeden Tag (German Edition))
Glück ist ein Geheimnis, es ist still, persönlich und jenseits aller Worte. Man kann es nicht beschreiben, und entgegen allen anders lautenden Behauptungen kann es auch nicht geteilt werden. Sieht man zwei Menschen, die zusammen glücklich sind, weiß man, dass jeder für sich das Glück mitgebracht hat – sie haben es nicht gemeinsam gefunden, denn wie Frieden oder den Heiligen Geist kann man Glück nur finden, wenn man allein ist.
Burnside, John
Gottes Wort beansprucht meine Zeit. Gott selbst ging ein in die Zeit und will, dass ich ihm meine Zeit gebe. Christsein ist nicht die Sache eines Augenblicks, sondern es will Zeit.
Jo-Jacqueline Eckardt (Dietrich Bonhoeffer: Finde deinen eigenen Weg (German Edition))